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24. Juli 2012

Stimmenfestival

Lenny Kravitz in Lörrach: Sex-Appeal, der klingt

Das lange ausverkaufte Marktplatz-Konzert von Lenny Kravitz beim Stimmenfestival in Lörrach.

Eng sitzen die Jeans, locker die Stiefel, das Hemd hängt auf die genau richtige Art nachlässig aus der Hose, die Sonnenbrille ist verspiegelt. "I’m in love with your love and I’m coming to get it" singt Lenny Kravitz, vom Stroboskop-Licht beschienen, die rechte Hand am Mikrofon, die linke am Mikrofonständer und das Becken lasziv gen Metallstange geschoben, als sei das Mikro eine zu verführende Frau. "Leidenschaft, die klingt", ist der Werbeslogan des diesjährigen Stimmenfestivals in Lörrach. "Sex-Appeal, der klingt", könnte der Werbeslogan für den Mann sein, der am Sonntagabend die Marktplatz-Konzertreihe bei Stimmen mit einem seit Monaten ausverkauften Konzert beschloss.

Ein bisschen spröde wirkt der so nachlässig gestylte supersexy US-Superstar Kravitz auf der Bühne zunächst. Mit einem gehauchten "Good evening!" begrüßt er das Publikum – und lässt dann erstmal seine Musik sprechen. Mit röhrenden Gitarren – und allen Superhits auf der Setlist. Schließlich soll es am letzten Abend seiner "Black and White America"-Tour um Musik gehen, nicht nur um Style und Sex-Appeal.

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Routiniert drehen Kravitz und Band auf. Genregrenzen mochte der vierfache Grammygewinner nie. Und auch auf der Marktplatz-Bühne verwebt er Rock, Pop, Funk, Soul und Psychedelic zu einem ganz eigenen Kravitz-Klang. Im Zentrum des Klangs: die Gitarren. Ausgelassen duellieren sich Kravitz und der zweite Gitarrist Craig Ross mit leichtfingrig gespielten, aber tonnenschweren Riffs. Routiniert, ja, aber weder abgeklärt noch müde.

Kravitz bemüht sich sehr, nicht als Einzelkünstler wahrgenommen werden, schiebt immer wieder sanft seine Musiker in den Vordergrund und lässt ihnen Platz für Aufmerksamkeitsmomente. Und die hat die Band verdient: Neben dem wild frisierten Gitarristen Ross sind das Keyboarder George Laks, die beständig etwas grimmig guckende, kahl rasierte Bassistin Gail Dorsey, Schlagzeuger Franklin Vanderbilt und das gut gelaunte Bläser-Trio Harold Todd, Ludovac Louis und Steve Baxter. Sehr höflich stellt Kravitz jedes Bandmitglied mehrfach vor, alle dürfen ihr Können in Soli präsentieren.

Die Highlights des Konzerts sind die energiereichen Hits aus den Anfängen der Kravitz-Karriere: "Mr. Cab Driver", "Are you Gonna Go my Way" und "Always on the Run". Zu den Balladen wird auf dem Lörracher Marktplatz gekuschelt, natürlich. Besonders schön: "Stand by my Woman".

Schade nur, dass die Energie der rockigen Stücke nicht so richtig von der Bühne ins Publikum überspringen will, egal wie motiviert Kravitz mit großen Schritten und mit geschütteltem Tambourin oder geschwungener Gitarre die Bühne abmisst. Direkt davor stehen in den ersten Reihen ein paar Fans in T-Shirts früherer Touren neben fein frisierten Mädchen, die in den Jahren von Kravitz’ größten Erfolgen geboren sein dürften, dahinter Event-Publikum, das sich über den Besuch des Weltstars mehr zu freuen scheint als über seine Musik. So wird auch während der ruhigen Stücke laut gesprochen, und die Unsitte des Sich-selbst-mit-der-Bühne-im-Hintergrund-mit-dem-Smartphone-Fotografierens eifrig kultiviert. So richtig in Schwung kommt das Konzert nur bei den Nummer-Eins-Hits – wie gut, dass Lenny Kravitz davon gleich einige hat.

Ein roter Stringtanga fliegt auf die Bühne

"Aber er redet gar nicht mit uns!", beschwert sich eine etwas angetrunkene junge Schweizerin, weit hinten im Publikum bei ihrer Konzertbegleitung in der Mitte des Konzerts. "Jetzt red’ doch endlich mit uns!", ruft sie in Richtung Bühne. Während des letzten regulären Songs "Are you Gonna Go my Way" fliegt ein leuchtend roter Stringtanga auf die Bühne. Kravitz hängt ihn an den Mikrofonständer, streift seine Sprödheit ab und kommentiert amüsiert und in Anspielung auf den Text des Lieds: "Und wo rennst Du jetzt hin, so ganz ohne Unterhosen?" Danach folgt eine Liebeserklärung ans Publikum:"Danke für eure Liebe und dafür, dass ihr es uns ermöglicht, um die Welt zu reisen und für euch Musik zu spielen", sagt Kravitz. Dass der Star doch reden kann, das scheint auch die junge Schweizerin zufrieden zu stellen: "Geil isch’er schon!"

Autor: Carolin Buchheim