Lenzkirch wächst ins Niederdorf

Ralf Morys

Von Ralf Morys

Sa, 10. August 2013

Lenzkirch

Gemeinderat beschließt ein Neubaugebiet mit 38 Plätzen / Erschließungsträger verpflichtet /Biobauer bangt um seine Existenz.

LENZKIRCH. Ein Neubaugebiet mit 38 Bauplätzen in attraktiver Südlage, das in zwei Abschnitten erschlossen wird, packt die Gemeinde im Niederdorf mit einer für sie neuen Vorgehensweise an. Der Gemeinderat beschloss am Donnerstagabend mit 12 : 3 Stimmen, dafür einen Erschließungsträger zu beauftragen und mit der Firma Rüdiger Kunst-Kommunalkonzept GmbH aus Freiburg einen Erschließungsvertrag abzuschließen. Im ersten Bauabschnitt werden zwölf Bauplätze erschlossen. Der Quadratmeterpreis soll zwischen 100 und 120 Euro liegen.

Knapp zwei Dutzend Besucher waren ins Kurhaus zur Sitzung gekommen, darunter auch die sechsköpfige Familie Vogelbacher. Landwirt Harald Vogelbacher ergriff in der Frageviertelstunde das Wort und bat das Gremium, die Notbremse zu ziehen. Er befürchtet, dass die nahe seinem Biohof entstehenden Wohnhäuser, dann seinen Hof in Existenznöte bringen. Alle Redner versicherten dabei, dass sie zwar den Nutzungskonflikt sehen, den landwirtschaftlichen Betrieb aber nicht schädigen wollten.

Der Bebauungsplan Niederdorf ist seit rund zehn Jahren rechtskräftig. Bei seiner Aufstellung gab es schon Proteste von Anliegern, zuletzt, als die Firma Atmos dort ein großes Grundstück für mögliche Erweiterungen erwarb. Doch mit dem Zugriff auf Flächen der insolventen Kematen auf dem früheren Kadusgelände, haben sich diese Pläne erledigt. So hat Atmos nun ein Großteil seiner Fläche im Niederdorf an die Gemeinde verkauft und stellt größere Areale dort für Ausgleichsmaßnahmen zur Verfügung. Eine kleinere Restfläche mit zwei Baugrundstücken am Beginn des Neubaugebietes behält Atmos noch für sich.

Angebot der Aussiedlung vor Jahren abgelehnt

Alte Akten zu diesem Baugebiet hat Bürgermeister Reinhard Feser studiert. Schon 1969 habe es dazu erste Überlegungen gegeben. 1999 wurde der Bebauungsplan aufgestellt und erlangte drei Jahre später Rechtskraft. Auslöser dafür sei damals unter anderem der Bau eines Stalles und einer Scheune gewesen. Mit dem Landwirtschaftsamt sind die Mindestabstände zwischen Stall und Wohnhaus sowie die Tieranzahl im Stall festgelegt worden. Ein im Vorfeld damals unterbreitetes Aussiedlungsangebot habe die Familie Vogelbacher abgelehnt. Der Hof habe auch Flächen von der Gemeinde gepachtet. Feser war es wichtig festzuhalten, dass die Gemeinde kein Feind der Landwirtschaft ist. Im gesamten Verfahren seien die Belange der Landwirtschaft berücksichtigt worden. Und ein Nebeneinander mit gegenseitiger Rücksichtnahme halte er für möglich, so Feser.

Die Notbremse könne die Gemeinde nicht mehr ziehen, denn knapp eine halbe Million Euro hat sie in den vergangenen 13 Jahren in dieses Baugebiet investiert. 163 000 Euro kosteten die Planungen und für den Grunderwerb berappte sie weitere 325 000 Euro, was die stolze Summe von 488 000 Euro ergibt. Mit dem ersten Bauabschnitt soll die Refinanzierung der investierten Steuergelder beginnen. Zu den Erschließungskosten werde der Landwirt nicht herangezogen, versichderte Feser.

Von mehr als 9000 Quadratmetern Fläche, die Atmos im künftigen Neubaugebiet gehörten, behält das Unternehmen noch 1450. Mehr als 3600 Quadratmeter für acht Doppelhaushälften erhält die Gemeinde, berichtete Erschließungsträger Rüdiger Kunst über die Gespräche der vergangenen Wochen. Die Erschließung wird in einer Ringstraße und nicht wie ursprünglich geplant mit zwei Stichstraßen mit Wendemöglichkeiten erfolgen. Ob diese Änderung nur ein vereinfachtes Verfahren oder eine Neuaufstellung erfordert, wirkt sich auf den Zeitplan aus. Geht es im vereinfachten Verfahren, kann die Erschließung des ersten Bauabschnittes mit zwölf Bauplätzen in 2014 begonnen und fertiggestellt werden. Die ersten Häuser könnten 2014 gebaut werden. Ist eine Neuaufstellung nötig, würde sich alles um ein Jahr verzögern und die ersten Häuser könnten 2015 gebaut werden. Seine Firma plane, schreibe und vergebe sowie kontrolliere die Erschließungsarbeiten und -abrechnungen und gebe nach der Fertigstellung die ganze Erschließung an die Verkehrshoheit der Gemeinde über, sagte Kunst zum weiteren Ablauf.

Nutzungskonflikt mit Abständen entschärfen

"Wenn wir das Neubaugebet beschließen, ist es das Aus für den Biohof", war sich Karin Mahler sicher. Sie erinnerte an den Besuch der Regierungspräsidentin, die meinte, ein funktionierender Bauernhof entspreche vier Bauplätzen. Mahler sah in den Engstellen ein weiteres Handicap und wollte eher die Innenentwicklung forcieren. Sie trage diese Planung nicht mit, meinte sie. Klaus Kerdraon betonte, keiner im Gremium wolle den Landwirt schädigen. Die Gemeinde habe groß investiert und dies mit Vogelbacher abgestimmt. Kerdraon wollte etwas zu den Preisen hören. Der Quadratmeterpreis werde zwischen 100 und 120 Euro liegen. Ziel sei es, eine schwarze Null zu schreiben. Werner Grüninger regte an, den Abstand zwischen Viehstall und Wohnbebauung zu vergrößern und die ersten Bauplätze zu verschieben. Florian Schlosser sprach den Nutzungskonflikt an, den es zu entschärfen gelte. Als Selbstvermarkter könne das Baugebiet für den Hof auch positiv sein. Mathias Brugger, selbst Landwirt, wies darauf hin, dass es heute andere Abstandszahlen als vor zehn Jahren geben könnte und wollte aktuelle Zahlen hören. Brugger rief zu Feingefühl bei der Detailplanung auf. Sascha Phlippen wollte wissen, ob es Ersatzflächen für den Landwirt gebe. Es sind nicht genügend vorhanden, erwiderte Feser. Der Biohof verfüge über 100 Hektar, 26 Hektar sind von der Gemeinde angepachtet. Die Gemeinde könnte mehr Flächen verpachten, so groß sei die Nachfrage. Feser sagte zu, in alle Grundstückskaufverträge eine Klausel einzubauen, dass Emissionen der Landwirtschaft zu akzeptieren sind. Rudi Berg sagte, vor zehn Jahren sei er gegen das Baugebiet gewesen. Jetzt seien die Voraussetzungen auch für die Landwirtschaftsfamilie geschaffen, deshalb stimme er heute der Erschließung zu. Robert Stoll schlug vor, in die Planung des Neubaugebiets einen Wirtschaftsweg für den Landwirt aufzunehmen, der als Viehtrieb genutzt werden kann. Diese Anregung ist in den Änderungsbeschluss aufgenommen worden, der nötig geworden ist, weil statt der Stichstraßen eine Ringstraße als Erschließung geplant ist.