Wenn der Redefluss plötzlich stockt

Ralf Morys

Von Ralf Morys

Fr, 08. Dezember 2017

Lenzkirch

Einwöchiges Seminar für Stotterer in Saig / Abschlussaufgabe in Neustadt sorgt kurzzeitig für etwas Frust bei den Teilnehmern.

LENZKIRCH/TITISEE-NEUSTADT. Wenn Worte nicht wie gewünscht fließend über die Lippen kommen, der Sprechablauf unterbrochen, Laute, Silben oder ganze Worte wiederholt werden, dann hat Mann und Frau ein Problem mit dem Redefluss und gilt als Stotterer.

"Nach neuen Erkenntnissen von Sprachwissenschaftlern der Purdue University in Amerika basiert diese Störung des Redeflusses nicht oder nicht nur auf einer motorischen Fehlfunktion, sondern beruht auch auf einer anderen Verarbeitungsstruktur des Gehirns. Stottern gilt als therapierbar, jedoch nicht als heilbar", ist in der freien Enzyklopädie Wikipedia zu lesen.

Einer, der selbst Stotterer war und heute seinen Redefluss im Griff hat, ist Hans Liebelt aus Lüdenscheid. Seine eigene Erfahrung und seine Kenntnisse, wie Stottern therapiert werden kann, gibt er seit 20 Jahren in Seminaren weiter. Jetzt ging gerade ein zweites Seminar im "Waldhotel" in Saig zu Ende.

Den Abschluss des Seminars bildete eine besondere Herausforderung. Die Teilnehmer mussten alleine die Geschäfte in Neustadt aufsuchen, sich vorstellen und erklären, was sie wollten und am Schluss galt es, einen Geschäftsstempel zu erhalten. Bis auf eine Ausnahme klappte dies auch. Ein Einzelhändler unterstellte den Stotterern, sie seien Trickbetrüger und verwies sie des Ladens. Dies rief Seminarleiter Hans Liebelt, der aus der Entfernung seine Teilnehmer bei dieser "Abschlussprüfung des freien Sprechens" beobachtete, auf den Plan. Liebelt, der selbst 35 Jahre lang stark stotterte, ging ins Geschäft und sprach den Geschäftsmann mit deutlichen Worten auf sein Fehlverhalten an. Diesem war es dann sehr peinlich und er entschuldigte sich bei den Stotterern, die aber auf diesen Geschäftsstempel in der Abschlussprüfung verzichteten.

Hans Liebelt gibt Seminare für Stotterer und konnte so schon 2000 Leuten mit Problemen beim Sprechfluss helfen. Die Teilnehmer an seinen Seminaren sind meist im Internet auf Hilfesuche unterwegs und finden sein Angebot oder werden über Mundpropaganda empfohlen.

So war es auch bei Florian aus Ulm. Der 25-Jährige nahm zum zweiten Male an einem Seminar teil. Weil er nach dem ersten Seminar nicht konsequent seine Übungen weiter absolvierte, stellten sich bei ihm wieder vermehrt Probleme mit dem Sprechfluss ein. Nach einer Woche im Waldhotel in Saig spricht er jetzt flüssiger und damit ist es für ihn wieder "leichter auf die Leute zuzugehen und ich lebe offener und glücklicher".

Dies bestätigt auch Markus, der 37-jährige Diplomingenieur von der Baar, der hofft, mit den vermittelten Übungen seine Probleme mit dem flüssigen Sprechen auf Dauer in den Griff zu bekommen. Die vermittelte Sprechtechnik hat er erlernt und in dieser Woche seine Hemmungen frei zu sprechen abgebaut. "Die Übungen räumen im Innern der Stotterer auf, sie sind eine Art Psychotherapie", sagt Liebelt. "Mein Sprechen ist flüssiger geworden und mein Selbstbewusstsein wächst wieder. Das Seminar hat Spaß gemacht, auch weil man andere Leute mit den gleichen Problemen kennenlernt", meint Markus, der sich vorgenommen hat weiter fest zu üben, um das erreichte Niveau des Sprechflusses halten zu können.

Die Seminare sind gekennzeichnet von einem gleichbleibenden Tagesablauf. Der Tag beginnt mit einer dynamischen Meditation und Atemübungen. Danach gilt es, die eigene Wut über die Probleme des Sprechflusses rauszulassen. Dem schließt sich eine Phase des Stillstandes und des Tanzens an. Nach dem Frühstück stehen Atem- und Sprechübungen an, die das Zwerchfell fordern.

Große Fortschritte bescheinigte Liebelt in dieser Seminarwoche dem jüngsten Teilnehmer. Der 13-jährige Leo aus dem Kanton Solothurn spricht fast wieder fließend. Der Oberschüler, der Schlagzeug in der Harmonie und Straßenhockey spielt, Mountainbike fährt und bei den Pfadis ist, glaubt, dass er stottert, weil er bei einem schweren Sturz einmal voll auf den Rücken fiel. Der junge Schweizer ist, wie seine Mutter, überzeugt, dass er vom einwöchigen Aufenthalt in Saig "sehr viel mitnehmen und viel zu Hause weiter üben werde", hält er abschließend überzeugt fest.

Für das Stottern gibt es eben nicht die eine Ursache. Bei der Störung des Redeflusses spielen viele kleine Sachen zusammen, sagt Liebelt. Das könne Stress, kommunikative Verantwortung, Sprechangst, unter Druck stehen oder auch der zu große Anspruch an sich selbst sein. Es können auch Ereignisse von außen, die großen Druck auf die Person ausüben, eine Rolle spielen. Und diese Störungen gehen dann langsam auch auf die Psyche der Menschen über, weiß Liebelt aus Erfahrung. Es kann einsam um den Stotterer werden. Gegen das Stottern geht Liebelt vor, in dem er mit Atemtechniken und dem Zwerchfell arbeitet. Und das seit 20 Jahren mit Erfolg, oder wie es Leo aus der Schweiz sagt: "Was Hans macht, ist gut."

Atem- und Sprechschule Hans Liebelt in Lüdenscheid, http://www.stop-stottern.de oder Tel. 02351/8954097, Mail: info@stop-stottern.de;