Chemnitz

Kein plötzlich auftretendes Phänomen

Luisa Langer

Von Luisa Langer (Murg)

Mo, 10. September 2018

Leserbriefe

Zu: "Funkenflug", Beitrag von Bernhard Honnigfort (Politik, 29. August)

Ich habe den Artikel wie auch viele andere Berichte aus den Medien mit einem wütenden Gefühl im Bauch gelesen. Von 2013 bis 2017 habe ich in Chemnitz studiert und mich schnell unwohl gefühlt. Warum? Aus genau den Gründen, weshalb nun ein großer Aufschrei durch die Gesellschaft in Deutschland geht und plötzlich alle höchst empört sind.

Scheinbar treten Jagdszenen gegen ausländische Menschen erst jetzt auf und dürften sich keinesfalls wiederholen. Viele meiner Freunde und meine Familie sagen mir in diesen Tagen, wie gut es doch sei, dass ich nun nicht mehr in Chemnitz wohne. Da frage ich mich, ob der mediale Aufschrei glaubwürdiger ist als meine Erzählungen der letzten Jahre.

Ich habe schon mit dem Auftreten von Pegida Hetzszenen erlebt, Szenen in denen dunkelhäutige Menschen aus öffentlichen Verkehrsmitteln gejagt wurden, meine ausländischen Mitstudierenden von Professoren und Professorinnen schlechter beurteilt wurden und auch schlimme verbale Drohungen gegen mich aus der rechten Szene, da ich mich für ein weltoffenes Chemnitz einsetzen wollte. Meine Suche nach Hilfe bei den Ämtern der Stadt oder der Polizei blieb ergebnislos.

Die momentanen Bilder aus Chemnitz sind kein plötzlich auftretendes Phänomen. Die Politik hat seit vielen Jahren versagt. Auf die "wenigen Linken" ist keinesfalls die Schuld zu schieben. In dem Artikel "Funkenflug" steht geschrieben: "Die Gegenwart braucht Zeit, sie ist schwer genug". Ich finde, die Zeit ist jetzt. Chemnitz hatte schon genügend Zeit, sich der Demokratie anzupassen.

Liebe Politiker und Politikerinnen, bitte hört auf zu reden und Statements abzugeben. Das hilft keinem Menschen, der bedroht und unwürdig durch Straßen gehetzt wurde, und auch nicht den Hinterbliebenen des getöteten Daniel H.. Handelt jetzt! Luisa Langer, Murg