Platz der Alten Synagoge

Da könnte man prinzipiell auf sämtliche Friedhöfe verzichten

Michael Weiss

Von Michael Weiss (Freiburg)

Mo, 03. September 2018

Leserbriefe Freiburg

Zum Gedenkbrunnen auf dem Platz der Alten Synagoge erreichen uns weitere Leserbriefe. Dieser bezieht sich auf einen vom 8. August mit dem Titel "Es ist aussichtslos, den nach uns Kommenden vorschreiben zu wollen, wo und wie sie sich zu erinnern haben".

Den Leserbrief von Herrn Weitzel würde ich als mystisch-inkohärent bezeichnen – verbunden mit einer Dialektik, die Sinnhaftigkeit und überzeugende Argumente vermissen lassen. Dass der Staat oder eine Gemeinde den Bürger zwingen will, Gedenken zu praktizieren, mag ja im Ansatz richtig sein. Der schlimme Ausdruck "Kranzabwurfstelle", aber auch der sogenannte Volkstrauertag sind Beispiele für Eingriffe des Staates in eine verordnete Denkrichtung. Und auch das "bedenk mal gefälligst des Sieges!" (Siegesdenkmal) erfüllt in keinster Weise einen nützlichen Zweck. Die von Herrn Weitzel angebotene Alternative ist jedoch absurd. Er schlägt den Juden und allen anderen Willigen vor, "loszulassen" von ihrer Form des Erinnerns und ihrer lokalen Möglichkeit in Form des Brunnens – um das Gedenken "über Raum und Zeit erst möglich zu machen". Also die Schlussstrich-Mentalität oder doch eine metaphysische Motivation durch Verzicht …? Mit diesem haarsträubenden Vorschlag könnte man auch auf das Mahnmal in Berlin, auf die Gedenkstätte Auschwitz und prinzipiell auf sämtliche Friedhöfe verzichten. Zum Schluss wird es makaber: Eine "moderne Nutzung" des Platzes würde das "Ankommen unserer dunklen Vergangenheit in der Gegenwart fördern". Wie dieser Effekt zustande kommen soll, ist mir nicht zugänglich. Ich kann mir auch nicht vorstellen, das Siegesdenkmal an einen Schokoladenhersteller zu vermieten, der es lila anmalt, um es einer "modernen Nutzung" zuzuführen. Michael Weiss, Freiburg