Alter Wiehrebahnhof

Der öffentliche Raum verliert den Schutz eines rücksichtsvollen Miteinanders

Anne Haberzettl

Von Anne Haberzettl (Freiburg)

Mo, 03. September 2018

Leserbriefe Freiburg

Leserbrief zum Artikel "Turnschuhtango in Gefahr?" über die Sorge der Tänzer um ihre Veranstaltung nach Beschwerden, BZ vom 25. August:
Nein, ich bin nicht die Anwohnerin, die die Polizei eingeschaltet hat. Und ja: Die Unruhe und die Lärmkulisse um den Platz am Alten Wiehrebahnhof haben in den letzten Jahren massiv zugenommen.

Ich habe gegenüber meinen Arbeitsplatz. Immer wieder arbeite ich dienstags bis 21 Uhr – wenn zusätzlich zu den anderen Freizeitlerinnen und Freizeitlern die Tangogruppe aktiv ist. Die Tangomusik schallt zwangsläufig nach oben; auch bei geschlossenen Fenstern (diesen Sommer ein besonderes Vergnügen) kann sie störend sein. Es wäre schwierig, meine Arbeit nur bei Regenwetter oder im Winterhalbjahr zu tun, wenn die Tänzerinnen und Tänzer zu Hause bleiben.

Die Situation auf dem Platz spiegelt eine Entwicklung wider, die in ganz Freiburg seit langer Zeit zu beobachten ist: Der öffentliche Raum verliert den Schutz eines rücksichtsvollen Miteinanders. Unter dem Anspruch der individuellen Freiheit ist der Respekt vor den Grenzen der anderen Menschen sehr deutlich zurück getreten. Wer sich dagegen verwahren will, ist automatisch Spielverderberin oder Spielverderber.

An diesem Platz bin ich nun persönlich betroffen. Mit mir offenbar etliche andere Menschen – die Situation war bereits Thema im Bürgerverein. Ja, auch ich bevorzuge das Gespräch, bevor Menschen durch Verbote gemaßregelt werden. Allein: Ich verliere den Glauben daran, dass dies im Kontext des öffentlichen Raumes weiterführt. Bezüglich vieler Örtlichkeiten hat es schon Appelle, Aufklärung, Gespräche gegeben (nur als Beispiele: die Passage zwischen "Karma" und Hauptpost, der Augustinerplatz) – es wird ein zum Teil hoher Aufwand getrieben, die Ergebnisse sind nicht überzeugend.

Ich habe den beschwichtigend-verharmlosenden Umgang damit ziemlich satt. Vielfalt und kulturelle Breite werden damit nicht (mehr) gefördert, sondern eher diskreditiert. Welche gesellschaftlichen Strömungen davon profitieren, wissen wir inzwischen.

Mein Anlauf, die Tangogruppe um mehr Ruhe zu bitten (oder auch einen anderen Platz mit weniger Anwohnerschaft in Erwägung zu ziehen) wurde unter anderem mit sehr – nennen wir es "naiven" Kommentaren begleitet. Der Versuch, mich – wie angeboten – auf dem Handy bemerkbar zu machen, wenn es "doch mal zu laut" sein sollte, läuft übrigens ins Leere: Es geht niemand dran.
Anne Haberzettl, Freiburg