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21. März 2017

Leserbriefe

HEIZKESSEL
Zwanzig Jahre mehr Abgasemissionen
Zum Bericht "Ein Kraftwerk am Haken – Nach 53 Jahren hat die Stadt den Heizkessel im Ex-Thermalbad durch ein Blockheizkraftwerk ersetzt" (BZ vom 14. März).

Bereits nach der Energieeinsparverordnung aus dem Jahr 2007 sollten alle Heizkessel, die älter als 30 Jahre alt sind, ausgetauscht werden. Nach Gesetz war 2015 Deadline für alle Heizkessel, die mehr als drei Jahrzehnte auf dem Buckel haben – von einigen Ausnahmen abgesehen. Aus gutem Grund: Neue Heizkessel sind wesentlich effizienter und stoßen weniger CO2 und Rauchgase aus.

Man reibt sich die Augen, dass die Stadt nun den Austausch eines völlig überdimensionierten 53 Jahre alten Kessels durch ein Blockheizkraftwerk (BHKW) mit einer Presseerklärung feiert und seine Langlebigkeit sowie seine "gewissenhaften wie unermüdlichen Dienste" hervorhebt. Ein Versäumnis, das rund zwanzig Jahre mehr Abgasemissionen, höhere Energiekosten und mehr Klimaemissionen gekostet hat, wird zum gefeierten Event. Glückwunsch an die Stadtverwaltung! Dieter Seifried, Wiehre

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BRIGITTE SCHLIEBEN-LANGE
Lebhaft interessiert und auch gerührt
Der BZ-Fragebogen mit Elisabeth Zima, die vom "Brigitte-Schlieben-Lange-Programm zur wissenschaftlichen Förderung von Frauen mit Kind" profitiert (BZ vom 16. März) erinnerte den emeritierten Freiburger Romanisten und Sprachwissenschaftler Hans-Martin Gauger an seinen eigenen Bezug zur Namensgeberin Brigitte Schlieben-Lange.

Der Text hat mich lebhaft interessiert und auch gerührt, weil die Namensgeberin Brigitte Schlieben-Lange von 1970 bis 1974 hier in Freiburg meine Assistentin war oder genauer: Sie war mein erster Assistent. Ich habe sie, als ich hier antrat, von Tübingen mitgebracht. Ich kannte sie: Ihr Lehrer, der in seinem Fach – der Sprachwissenschaft – recht bedeutende Eugenio Coseriu, war auch meiner. Sie hatte soeben bei ihm promoviert. Ich fragte sie, und sie sagte gleich "Ja". Danach fragte ich Coseriu, ob er etwas dagegen habe. Er wusste schon Bescheid und sagte mürrisch nur: "Ja, leider haben Sie sie zuerst gefragt". Übrigens hatte ich da mit dieser Wahl gar nicht die Absicht, etwas für Frauen zu tun. Ich kannte schlicht niemanden sonst, den ich für so geeignet hielt. Doch meldete der große Romanist Hugo Friedrich, der mich hierher geholt hatte, Bedenken an. Er sagte unvermittelt zu mir: "Herr Kollege, Sie haben einen Fehler gemacht! Sie haben als Assistent" – so drückte er sich aus – "eine Frau gewählt!" Ich war erleichtert, aber so überrascht durch den Einwand, dass ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Wenig später, nachdem sie einen Auftrag für ihn zu seiner vollen Zufriedenheit erledigt hatte, rief Friedrich mich wieder zu sich: "Ich muss mich korrigieren, Herr Kollege. Sie haben da offensichtlich einen guten Griff getan".

Das hatte ich in der Tat. Brigitte Lange, dann Schlieben-Lange, war eine gute, sehr selbstständige, ihre eigene Richtung suchende und rasch findende Assistentin. Und sie bekam bald nach der Heirat mit Reinhard Schlieben, den sie in Tübingen kennengelernt hatte, und der hier als Religionslehrer arbeitete, Zwillinge – zwei Mädchen. Das Paar verstand sich gut – was überraschend war wegen der beträchtlichen Verschiedenheit der beiden: er, der Norddeutsche, ein entschiedener Vegetarier und Alkoholverschmäher, sie, die Bayerin, war beides ganz und gar nicht. In eines ihrer Bücher, "Soziolinguistik. Eine Einführung", schrieb sie mir die unter Umständen etwas missverständliche Widmung: "Für Hans-Martin Gauger als dem einzigen Chef, bei dem man Bücher schreiben und Kinder kriegen kann". Noch bevor sie sich habilitierte, wurde sie – mit 31 Jahren – an der Universität Frankfurt Professorin, was heute ohne Habilitation oder vergleichbare Leistung schwerlich ginge. Den Freiburger Zwillingen folgten übrigens später noch zwei Kinder. Und 1991 nahm Brigitte Schlieben-Lange den Ruf nach Tübingen auf die Nachfolge ihres Lehrers Coseriu an.

Ja, und dann der große Schock – ihr Tod im September 2000. Ihr Freund Jürgen Trabant nannte sie im Berliner "Tagesspiegel" "eine der produktivsten deutschen Geisteswissenschaftlerinnen" und schloss seinen Nachruf mit der Feststellung: "Ein bewundernswertes Leben ist viel zu früh zu Ende gegangen". Nun ist es für mich etwas wie ein Trost, dass das wichtige "Brigitte-Schlieben-Lange-Programm" unseres Landes an diese Frau erinnert. Wie es dazu kam, dass es ihren Namen trägt, weiß ich nicht. Eine gute Wahl jedenfalls war auch dies.

Prof. Dr. Hans-Martin Gauger, Zähringen

Autor: Dieter Seifried, Wiehre