Leserbriefe

Ilse Doppelgatz, Bad Säckingen

Von Ilse Doppelgatz & Bad Säckingen

Do, 25. Januar 2018

Bad Säckingen

GESUNDHEITSVERSORGUNG
Zwölf Stunden Ausharren im Waldshuter Spital
Zu unserer Berichterstattung zur Entwicklung der Gesundheitsversorgung im Kreis Waldshut:
Meine 88-jährige, an Demenz erkrankte Mutter hat sich am Samstag, 20. Januar, unglücklicherweise eine Handgelenks-fraktur zugezogen. Vom Pflegeheim aus wurde ich bereits morgens um 7 Uhr darüber informiert, dass sie mit dem Krankenwagen unterwegs ins Spital Waldshut sei. Sogleich machte ich mich auf den Weg dorthin, da sie ohne Betreuung völlig hilflos und desorientiert ist. Als ich ankam, wurde sie gerade geröntgt. Danach wurde ihr ein Bett auf der Notfallambulanz zugewiesen. Ein Arzt kam und klärte uns zwischen Tür und Angel darüber auf, dass diese Fraktur ohne OP (in diesem Alter) mit einem Gips behandelt werden soll. Bei gutem Verlauf kann sie wieder zurück ins Pflegeheim. Der Arzt eilte davon. Sogleich kamen zwei Schwestern und brachten sie im Bett auf die chirurgische Ambulanz, wo sie auf dem Gang warten musste. Der Bruch war nur notdürftig mit einem Dreieckstuch abgestützt, in keiner Weise stabilisiert. Zwei Stunden harrten wir dort aus. Mutter musste inzwischen auf die Toilette – aber weit und breit keine in Sicht und auch kein Personal. Nach längerem Suchen fand ich eine Schwester, die eine Bettpfanne besorgen wollte. Auf dieser Station gab es keine Bettpfannen. Nach weiteren 30 Minuten konnte eine organisiert werden. Man schob meine Mutter in den Gipsraum, wo auch andere Patienten versorgt wurden. Die Bettpfanne entnahm ich nach ungefähr 45 Minuten selbst, es war mittlerweile 11.30 Uhr. Wir warteten weiter. 13.30 Uhr – Mutter musste wieder zur Toilette – was tun? Die volle Bettpfanne stand immer noch neben dem Bett. Auf dem Flur draußen entdeckte ich ein Personal-WC. Kurzerhand und unter größten Mühen hievte ich meine Mutter aus dem Bett und wankte mit ihr zu dieser Toilette, wohl wissend, dass dies untersagt ist. Von Personal weit und breit keine Spur. Ständig trafen neue Patienten ein, Ärzte im OP, Schwestern und Pfleger im Dauerstress auf der Notaufnahme. Ist es würdevoll und zu vertreten, dass aufgrund von Überlastung des Personals meine Mutter gezwungen wird, ins Bett zu pinkeln? Endlich, um 15 Uhr, nachdem eine Schwester sich energisch um einen Arzt bemüht hatte und begann, den Bruch selbst zu schienen, traf der Arzt ein. Die Fraktur wurde versorgt und danach weiteres Warten! Gegen 18 Uhr, nach mehrmaligem Nachfragen, konnte ein Pfleger mir versichern, dass sie ins Pflegeheim zurückverlegt wird. Wir sollten das Arztgespräch und den Entlassbrief noch abwarten.

Nach einer weiteren Stunde bestand ich darauf, dass sofort ein Rücktransport organisiert werden soll. Der Pfleger entschuldigte sich mehrmals für die unzumutbare Situation. 19.30 Uhr: Endlich traf der Rücktransport ein – ein Arzt hat keine Zeit, ist im OP – Papiere werden nachgeschickt. Zwölf Stunden habe ich insgesamt mit meiner hilflosen Mutter ausgeharrt. Spät und völlig erschöpft sind wir beide im Heim in Bad Säckingen angekommen. Meine Mutter wurde herzlich mit Tee und kleinem Abendessen empfangen – die erste Mahlzeit an diesem Tag. Ihnen, sehr geehrter Herr Landrat Kistler, Herr OB Frank und den Kreisräten, haben wir aufgrund von Missmanagement und politischer Gewalt diese Situation zu verdanken. Wir wünschen Ihnen, dass Sie nie mit eigenen hilflosen Angehörigen in solch eine Situation kommen. Aber, ach nein, Sie werden wahrscheinlich als Privatpatient in ein anderes Spital jenseits der Grenze gehen!

P.S.: Meine Mutter ist ebenfalls Privatpatientin. Auch sie wird in Zukunft ein Spital jenseits der Grenze aufsuchen.

Ilse Doppelgatz, Bad Säckingen