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18. August 2012

Letzter Besuch in Zelle 719

Das Gefängnis, in dem die führenden Mitglieder der RAF saßen, soll durch einen Neubau ersetzt werden.

  1. Das Hauptgebäude der Stammheimer JVA, der Bau 1, soll bald abgebrochen werden. Foto: dpa

STUTTGART. Stammheim: Dieser Name ist zum Symbol für den Konflikt der RAF mit dem deutschen Staat geworden. Jetzt sollen die Gebäude der Anfang der 60er Jahre errichteten Justizvollzugsanstalt einem Neubau weichen. Geplant ist, das Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg aus Asperg hierher zu verlegen. Ein Blick hinter die Mauern und in die Nachbarschaft des Gefängnisses.

Anstaltsleiterin Regina Grimm geht den Trakt entlang, vorbei an einer Dartscheibe und massiven, orangefarbenen Schließtüren, zu der Eckzelle, die jetzt alle noch sehen wollen. In dem Zimmer stehen zwei Doppelstockbetten, ein Tisch, vier Spinde und eine nur notdürftig abgeschirmte Toilettenschüssel: auf den ersten Blick alles ziemlich unspektakulär und in die Jahre gekommen.

Zelle 719, 21,3 Quadratmeter groß, war einmal die berühmteste Zelle des berühmtesten deutschen Gefängnisses. Die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof hatte sich hier am 9. Mai 1976 erhängt. Dann wurde es die Zelle von Andreas Baader, der im Oktober 1977 im 7. Stock der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim sich zusammen mit Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe das Leben genommen hat. Es ist der Ursprungsort des Mythos Stammheim, der Selbstinszenierung der RAF-Terroristen als politische Gefangene. Jetzt steht Zelle 719 leer. Bald gibt es sie gar nicht mehr.

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Wie das Gefängnis hebt sich auch die wenige Meter entfernte graue Mehrzweckhalle vom Grün der umliegenden Felder ab, jenes Gebäude, das in den 70er Jahren provisorisch für den ersten großen RAF-Prozess gegen Baader, Ensslin und Meinhof umgerüstet worden war. Im Aushang vor dem Gerichtsgebäude hängt unter dem Landeswappen noch die Tagesordnung vom 5. Mai 2012, es geht um den Verdacht "des gemeinschaftlichen Mordes" – ein Überbleibsel des vielleicht letzten, zwischenzeitlich abgeschlossenen RAF-Verfahrens, diesmal gegen Verena Becker. Die in die Jahre gekommene Mehrzweckhalle soll ebenfalls einem Neubau für große, sicherheitsrelevante Gerichtsverfahren weichen.

Im Konferenzraum der JVA, die 514 Haftplätze und 295 Bedienstete hat, weist Anstaltsleiterin Grimm auf Skizzen hin: Stammheims Zukunft im Maßstab 1:500. Die neuen Haftgebäude sind rot eingezeichnet, ebenso ein neues Gerichtsgebäude. Für Letzteres steht die Finanzierung noch nicht, 25 Millionen Euro soll es kosten. Für neue Haftgebäude sind 43,7 Millionen Euro bewilligt, im November ist offizieller Baubeginn. Wenn sie 2015 stehen, soll der geschichtsträchtige Bau 1 fallen. "Dann werden wir hoffentlich als ganz normale Justizvollzugsanstalt wahrgenommen", sagt Grimm, die die JVA seit 2006 leitet.

Für die RAF interessieren sich die jungen Häftlinge nicht

Bis dahin belegen Jugendliche den 7. Stock in "Bau 1". Sie werden alle gleich behandelt. Die RAF-Gefangenen dagegen genossen gegenüber den übrigen Insassen erstaunliche Privilegien. Politik und Justiz wollten zeigen, dass Deutschland kein Unrechtsstaat ist. Die RAF-Häftlinge hatten größere Zellen und durften länger duschen, bei Gesprächen mit ihren Rechtsanwälten war keine Trennwand vorgeschrieben. Baader soll in Stammheim unzählige Bücher und Platten besessen haben. Als er tot aufgefunden wurde, lag Eric Claptons "There Is One in Every Crowd" auf dem Plattenteller.

Mit Clapton können die heutigen Insassen so wenig anfangen wie mit Baader. "Unsere jungen Häftlinge interessiert die RAF-Zeit nicht, sie stellen dazu keine Fragen", sagt Grimm. "Für sie ist vieles von Bedeutung, aber das nicht." Es gibt immer mal wieder den Vorschlag, in Stammheim an die RAF-Zeit zu erinnern. Grimm hält das für keine gute Idee. "Es beinhaltet die Gefahr, dass eine Erinnerungsstätte in Stammheim mit einer Gedenkstätte für die RAF-Gefangenen gleichgesetzt wird. Das wäre falsch."

Für Alfred Motzer ist Stammheim mehr als ein Symbol. Es ist seine Heimat und sein Leben. Motzer ist Mitglied in zehn Vereinen, drei, darunter den Heimatverein, hat er selbst gegründet. Er ist jetzt 88. Er hat den russischen Winter erlebt und den deutschen Herbst. Sein Interesse aber gilt der Historie Stammheims, 1192 erstmals urkundlich erwähnt, 1942 von Stuttgart eingemeindet. Bäuerlich geprägt, heute mit seinen 12 200 Einwohnern Lebensmittelpunkt für viele junge Familien, die in nahen Industriestandorten wie Feuerbach oder Zuffenhausen Arbeit finden. Der langjährige Bezirks- und Gemeinderat hat ein Heimatmuseum aufgebaut, nur wenige Gehminuten vom Gefängnis entfernt. Es ist eine Mischung aus Geschichtswerkstatt und Heimatstube. Vor dem Gebäude stehen alte landwirtschaftliche Geräte, drinnen hängen Ansichtskarten, Klassenfotos und Vereinsfahnen. Es ist die Geschichte Stammheims aus Stammheimer Sicht.

Mit dem nahegelegenen Gefängnis tut sich Motzer schwer. Er erinnert sich an eine Weihnachtsfeier in der "Krone" in den 70er Jahren. Die Kinder hätten gerade den Nikolaus erwartet. "Stattdessen kamen Polizisten mit Maschinenpistolen zur Tür rein, die drinnen Sympathisanten der RAF vermuteten. Da war die Weihnachtsfeier natürlich kaputt." In den Hochzeiten der RAF sei man in Stammheim ständig kontrolliert worden, die Landwirte kamen ohne Ausweis nicht auf ihre Felder.

"Ich ärgere mich, dass das Gefängnis jetzt noch größer wird", sagt Motzer. Dass Bau 1 und Mehrzweckhalle abgebrochen werden sollen, stört den Hobbyhistoriker nicht. Für ihn gibt es weit schönere und erhaltenswertere Gebäude. Sein Heimatmuseum etwa – oder das vom schwäbischen Renaissancebaumeister Heinrich Schickhardt erbaute Schloss, das heute als Altersheim genutzt wird. Das Gefängnis dagegen, das ist für ihn kein Ort, der vieler Erinnerungen wert ist.

Autor: Roland Muschel