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19. September 2011

Die erste Marathonfrau

Kathrine Switzer und der Lauf ihres Lebens.

  1. Kein Leistungsdruck, kein Stress, nur Sport: Mit dem Konzept etablierte Kathrine Switzer Läufe speziell für Frauen Foto: Christian Schwier - Fotolia

Der 19. April 1967 war kalt und verregnet, beim Boston-Marathon nicht ungewöhnlich. Die Läufer, ausschließlich Männer, trainierten hart, um sich auf diesen prestigeträchtigen Wettkampf vorzubereiten, auch das war normal. Aber dieses Mal war doch etwas anders. Kathrine Switzer, eine junge Publizistikstudentin aus dem Bundesstaat New York, hatte auch trainiert und sich mit ihren Initialen "K.V. Switzer" ordentlich angemeldet. Als nach einigen gelaufenen Meilen die Kapuzenhemden an den Straßenrand flogen, wurde sie entdeckt. "Da ist eine Frrrrau in Deinem Rrrrrennen, Jock!", rief ein Journalist, als der Pressebus die Nummer 261 passierte. Renndirektor Jock Semple, ein bärbeißiger Schotte, war – wie erwartet – außer sich. Er sprang aus dem Bus und stürzte sich auf die Läuferin, um ihr die Startnummer vom Trikot zu reißen. Harry Trask, ein Fotograf, eilte dazu, machte drei schnelle Schüsse. Und traf ins Schwarze. Ebenso wie Switzers Freund und Mitläufer Tom Miller, ein Hammerwerfer. Mit einem gezielten Haken brachte er den Renndirektor zum Nachdenken über das Thema Frauenlauf.

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Auch andere Menschen gerieten ins Grübeln, denn die Bilder gingen um die Welt. Was vorher undenkbar schien, wurde plötzlich international Thema: dass Frauen Langstrecken – also mehr als die damals olympisch zugelassenen 800 Meter – laufen können. Aber dürfen sie es auch? In der Folge lief der "Fall Switzer" in allen Medien, aber es sollte noch fünf Jahre dauern, bis Frauen beim Marathon in Boston zugelassen waren und bis zu den Olympischen Spielen war es ein noch längerer Weg ...

"Ich bin nicht die erste Marathonläuferin", erklärt Switzer noch heute. "Ich war nur die erste Frau, die sich offiziell zu einem Marathon angemeldet hat." In der Tat – Frauen waren schon vorher, auch in Boston, mitgelaufen: Sie fädelten sich unterwegs ein und wurden dann nicht immer über die Ziellinie gelassen. Entsprechend gab es auch keine offiziellen Zeiten und Beweise der Teilnahme. Das hatte sich nun geändert. "So angegriffen zu werden, war mir peinlich, ich schämte mich und hatte Angst", erinnert sich Kathrine Switzer. "Aber ich wollte den Lauf beenden, und indem ich es tat, bewies ich, dass Frauen einen Marathon laufen können." Es gab allerhand persönliche Vorwürfe: dass Switzer sich als Mann verkleidet habe, um mitzulaufen, dass sie sich nur profilieren wolle, dass sie mit der gelaufenen Zeit (4:20 h) gar keine richtige Athletin sei. Aber es gab auch positive Reaktionen – schon in den aufregenden Minuten vor dem Start. "Hey, läufst du die ganze Strecke?", "Da oben wird’s bergig, bist du vorbereitet?" oder "Sag mir, wie bringe ich meine Frau zum Laufen?" fragten einige Starter.

Für ihre Schülerzeitung hatte Kathrine Switzer einmal die Basketballtrainerin interviewt. Ob in Zukunft Frauen die gleiche Version wie Männer spielen würden? "Niemals", sagte diese: "Die übermäßig vielen Sprünge könnten den Uterus verschieben." So lautete Volkes Stimme damals – die manchmal sogar von Medizinern propagiert wurde. Kathrine Switzer musste schon als Jugendliche darüber lachen, denn ihre Meinungsmacher waren andere – ihre Eltern. Sie erzogen Bruder und Schwester gleich. Nie gab es Einwände, dass Kathrine auf Bäume kletterte oder dem großen Bruder alles nachmachte. Nur als sie bei den Cheerleadern antanzen wollte, riet Vater Switzer ab: Das Leben sei zum Mitmachen da, nicht zum Zuschauen. Um fit fürs Mädchen-Hockey-Team zu werden, lief Switzer nun täglich eine Meile, also 1,6 Kilometer. Und sie entdeckte die Vorzüge des Laufens: Es macht Spaß, verleiht Ausdauer und lässt sich alleine trainieren, ohne Team oder Trainer. Und doch bekam sie an der Universität von Syracuse eine Art Lauftrainer. Der Betreuer des Männer-Crossteams staunte über ihre Zielstrebigkeit und trainierte sie für Boston 1967. Switzer blieb beim Laufsport und ihre Bestzeiten sollten noch kommen: erster Platz beim New-York-City-Marathon 1974 und persönliche Bestzeit von 2:51:37 Stunden beim Boston-Marathon 1975. Nur eine war hier schneller: die Deutsche Liane Winter, die mit 2:42:42 Stunden einen neuen Weltrekord aufstellte.

Im Zuge des einsetzenden Laufbooms erkannte Switzer früh die Möglichkeiten des Sponsorings: Dem New-York-City-Marathon bescherte sie 1973 dank einer griechischen Fluglinie ein beachtliches Budget, sodann trat sie mit einem professionellen Frauenlaufkonzept an die Kosmetikfirma Avon heran. Aber warum überhaupt Frauenläufe? Switzers Grundidee: Viele Frauen würden anfangen zu laufen, wenn sie dies ohne Leistungsdruck und Stress tun könnten. Andererseits sollten auch Topathletinnen die Chance bekommen, sich über Strecken von fünf Kilometern bis hin zum Marathon zu qualifizieren. Frauen mussten erst lernen zu gewinnen, als Erste ins Ziel zu kommen, ohne in der Menge eines Männerlaufes zu verschwinden. Bereits der erste Testlauf in Atlanta 1978 wurde ein großer Erfolg, und Switzer bekam den Job. Als Direktorin des Sportprogramms entwickelte und betreute sie in der Folge etwa 400 Läufe in 27 Ländern – von Argentinien bis Japan. In Deutschland knüpfte sie 1983 Kontakt zu Horst Milde, einem Berliner Konditor und Leichtathlet vom SCC Berlin, Gründer des Berlin-Marathons. Der Berliner Frauenlauf ist heute ein Selbstläufer – im Mai fand er zum 28. Mal statt.

All das war Pionierarbeit für den Laufsport und die angestrebte Zulassung des Frauen-Marathons als olympische Disziplin. Und die Premiere kam: 1984 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles. Switzer war dabei, diesmal am Mikrofon; live berichtete sie für eine TV-Station. Neun der 49 Marathonläuferinnen kamen bei 24 Grad unter 2:30 Stunden ins Ziel – allen voran die Amerikanerin Joan Benoit Samuelson mit 2:24:52 Stunden. Switzers Berichterstattung machte sie zu einer gefragten Laufexpertin bis heute.

Nach 34 Jahren Pause läuft sie auch selbst wieder die magischen 42,195 Kilometer – im neuseeländischen Motatapu, in Athen und am Sonntag in Berlin, wo sie auch die deutsche Ausgabe ihres Buchs vorstellen wird. Vom Veranstalter des Athen-Marathons wurde sie 2010 als "Lauflegende" eingeladen. Fühlt sie sich auch so? "Meine Geschichte wurde mit der Zeit ein Mythos wie die des griechischen Marathonläufers", erklärt Switzer. Wie oft sie auf die Story von Boston angesprochen wurde? "Bestimmt 50 Millionen Mal", sagt sie und lacht. Aber das sei schon okay. Der Frauenlauf habe eben erst eine junge Vergangenheit, dafür aber eine große Zukunft.

Kathrine Switzer: Marathon Woman. Die Frau, die den Laufsport revolutionierte. Spomedis Verlag, Hamburg 2011, 432 Seiten, 22,95 Euro.


ZUR PERSON: KATHRINE SWITZER

Im Januar 1947 kam Kathrine Switzer im bayerischen Amberg auf die Welt, wo ihr Vater als US-Major drei Jahre lang am Aufbau von Lagern für Heimatvertriebene beteiligt war. Switzer gilt als Pionierin des Laufsports, da sie als erste Frau verbotenerweise, aber offiziell angemeldet einen Marathon lief. Switzer etablierte später Frauenläufe weltweit. Beim Berlin-Marathon kommendes Wochenende stellt sie ihr Buch vor und läuft selbst mit.

 

Autor: BZ

Autor: Ursula Thomas-Stein