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19. März 2012

"Die Kinder sollen nach innen gehen"

BZ-INTERVIEW: Jesper Juul will mit seinem neuen Buch "Miteinander" zu mehr Empathie anleiten.

  1. Familientherapeut Jesper Juul Foto: bz

Kinder haben zu wenig Kontakt zu sich und sie können deshalb kein Mitgefühl mit ihrer Umwelt empfinden. Wie es überhaupt in unserer Gesellschaft zu wenig Empathie gibt. Das ist der Befund, den der Familientherapeut Jesper Juul (61) in seinem neuen Buch "Miteinander" beschreibt – und dem er und seine Mitautoren mit Körperübungen abhelfen wollen. Stephanie Streif sprach mit Juul über das Projekt.

BZ: Herr Juul, in Ihrem neuen Buch treten Sie mit fünf Co-Autoren heraus aus dem familiären Wohnzimmer und gehen hinein in die Welt. Um zu kritisieren, was ist: zu viel Stress, zu wenig Werte und keine Empathie. Warum?
Jesper Juul: Wir erleben immer mehr Kinder, die außer sich sind. Diesen Kindern geht es nicht gut, sie lernen schlecht, sind aufgedreht, können sich nicht konzentrieren und finden keinen Weg zurück zu sich selbst. Fast scheint es so, als hätten sie den Kontakt zu ihrem Innersten verloren. Wir beobachten auch, dass man bei diesen Kindern weder mit Pädagogik noch mit Psychologie viel ausrichten kann. Unser Vorschlag ist es, diese Kinder wieder in Kontakt mit sich zu bringen – mit ihrem Körper, ihren Gefühlen, ihrer Kreativität. Das Buch zeigt auf, wie das funktionieren kann.

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BZ: Empathie ist für Sie und Ihre Mitautoren der Schlüssel zu einer besseren Welt. Wie definieren Sie diesen Begriff?
Juul: Empathie ist die Fähigkeit, sich in andere einfühlen zu können. Empathie meint nicht Mitgefühl oder Mitleid, diese beiden Begriffe sind zu eng und auch ein bisschen zu moralisch. Ich weiß nicht, ob ich als Schüler Empathie empfinden konnte. Früher gab es jedoch so etwas wie einen moralischen Konsens, man wusste, was erlaubt ist und was nicht. Allerdings glaube ich nicht, dass dieser Konsens von innen kam. Er kam von außen. Empathie befähigt den Menschen dazu, sein Gegenüber einzuschätzen und dessen Gefühle und Grenzen anzuerkennen.

BZ: Sie raten Erwachsenen und Kindern dazu, ihr Innerstes oder – wie Sie es in Ihrem Buch beschreiben – die "Weisheit des Herzens" über Körper-, Atem- und Meditationsübungen neu zu entdecken. Wie soll das funktionieren?
Juul: Die Übungen in unserem Buch sind für Kinder ab zehn, elf Jahren. Man kann auch mit Kindergartenkindern trainieren, das muss man dann aber viel spielerischer angehen. Über die Übungen haben Kinder die Möglichkeit, sich selbst besser kennen zu lernen. Und zu erfahren, aha, ich bin ja nicht alleine, ich bin keine Insel, sondern lebe in einem Zusammenhang mit anderen Menschen. Nur wer sich selbst kennt und spürt, kann überhaupt erst Empathie entwickeln.

BZ: Wer Yoga oder Qigong macht, dem kommen die Übungen bekannt vor.
Juul: Die Techniken sind nicht neu, die sind mehrere tausend Jahre alt. Neu ist der Vorschlag, den wir in unserem Buch machen, nämlich die Übungen in den Schulalltag zu integrieren. 2007 haben wir den Verein "Die Lebenskompetenz von Kindern" gegründet. Und zwar mit dem Ziel, die Vertiefung in sich selbst und die Intelligenz des Herzens in der pädagogischen Arbeit mit Kindern zu fördern. Ja, das ist eine Art von Spiritualität, allerdings keine, die mit einer Religion verheiratet ist. Und auch keine, die nur entspannen soll. Vielmehr sollen die Kinder mit den Übungen nach innen kommen und lernen, wie verhalte ich mich konstruktiv zum eigenen Leben und zu meinen Mitmenschen. Viele Jugendliche wissen heute nicht mehr, wie gehe ich mit Schmerz, Verlust oder Enttäuschung um.

BZ: In Dänemark werden bereits erste Anstrengungen unternommen, Schulkinder ganz praktisch in Sachen Empathie zu trainieren. Was kam dabei heraus?
Juul: Um es gleich vorweg zu sagen, das ist keine wissenschaftliche Untersuchung, sondern ein Experiment. Rund 25 Schulen, darunter Volks- und Förderschulen, haben in den vergangenen drei Jahren daran teilgenommen. Sie alle haben uns zurückgemeldet, dass ihre Kinder besser lernen und nicht mehr so aggressiv sind. Den Lehrern erging es im Übrigen auch besser. Das Problem vieler Kinder heute ist doch, dass sie überstimuliert werden. Sie kommen schon als Baby in die Kita, haben laufend Programm und können immer seltener entspannen. Und kaum dass sie Zuhause sind, sagen sie "Mir ist so langweilig" und dann machen die Eltern weiter, statt zu sagen "Herzlichen Glückwunsch, dir ist langweilig, mal schauen, ob das in zwanzig Minuten immer noch so ist".

BZ: Da sind wir bei Ihrer radikalen Gesellschaftskritik: Jeder führe in der westlichen Welt Krieg gegen jeden, schreiben Sie. Es gibt aber doch auch viele zivilisatorische Errungenschaften, auf die die westliche Welt stolz sein kann – wie die Abschaffung der autoritären Erziehung, die Thematisierung von Missbrauch oder die integrative Pädagogik. Warum schlecht reden, was auch gut ist?
Juul: Kein Zweifel, unsere Gesellschaften haben sich in vielen Bereichen in eine sehr positive Richtung entwickelt. Sie sind humaner geworden. Aber in den vergangenen dreißig, vierzig Jahren hat sich die Politik doch auch sehr unempathisch verhalten. Die Politiker in Mittel- oder Nordeuropa interessieren die Flüchtlingsboote vor Italiens Küste nicht weiter. Und selbst in der Kindererziehung geht es um Wettbewerb, zum Beispiel, wenn Politiker fordern, so viel Kinder wie möglich in Ganztageseinrichtungen unterzubringen, um auf dem Weltmarkt auch ja mithalten zu können. Es geht nicht darum, irgendjemandem Vorwürfe zu machen. Blicken wir nach Deutschland, da ging es nach dem Zweiten Weltkrieg um Wiederaufbau. Der extreme Materialismus war eine Notwendigkeit. Aber wenn es nur noch darum geht, dann fehlt was. Dieses Missverhältnis sollten wir korrigieren.

BZ: Aber Werte spielen in unserer Gesellschaft nach wie vor eine wichtige Rolle: Gerade die junge Generation, so das Ergebnis der letzten Shell-Studie, habe einen ausgeprägten Sinn für soziale Beziehungen. Klingt das nicht nach Empathie?
Juul: Werte kommen und gehen in Wellen. Was wir hier haben, ist ja eine sehr christliche Ethik. Mit den Jahren hat erst die katholische, dann die protestantische Kirche ihre moralische Integrität verloren – zumindest in Teilen. Mit dem Ergebnis, dass es kaum Vorbilder gibt, mit denen sich Menschen vergleichen können. Stattdessen kommen Ideologien, die sich gerade von dem, was war, radikal abgrenzen. Vor allem in Deutschland: Erst gab es die autoritäre, dann die antiautoritäre Erziehung. Darüber, dass es junge Menschen gibt, die anders denken als ihre Eltern und die bei diesem extremen Neoliberalismus nicht mitmachen wollen, kann man sich nur freuen.

BZ: Sicher lässt sich die Welt durch Yoga oder andere Übungen entstressen oder auch gefühlvoller machen. Aber Missstände wie Armut oder soziale Ungerechtigkeit kann keiner einfach wegatmen.
Juul: So naiv sind wir nicht. Wir wollen auch nicht die Kindheit vollkommen neu gestalten, sondern darauf reagieren, worauf uns Eltern oder Pädagogen immer wieder hinweisen, nämlich, dass es vielen Kindern nicht gut geht. Mit Disziplin und Druck ist da nichts auszurichten. Stattdessen müssen wir wieder in eine Beziehung zu den Kindern kommen. Ein Kind sollte sich nicht nur zu einer äußeren Autorität verhalten können, sondern vor allem zu sich selbst. Das ist ein Prozess, eine Reise – auch für die Eltern. Vor allem in Deutschland fühlen sich viele Eltern schuldig. Ich weiß nicht, ob das auf geschichtliche oder religiöse Zusammenhänge zurückzuführen ist. Aber ich stelle fest, dass viele Eltern glauben, alles richtig machen zu müssen. Ständig muss es nett sein. Und wenn ich die Eltern frage, warum denn, dann antworten sie mir: "Weil ich mich sonst schuldig fühle." Wichtig zu wissen: Es gibt einen Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung. Und die Trennung zwischen diesen beiden Begriffen haben viele Eltern noch nicht vollzogen – weder intellektuell, noch emotional.

INFO: JESPER JUUL

Der Däne ist einer der wichtigsten Familientherapeuten Europas. Sein neues Buch "Miteinander" (Beltz Verlag, 159 Seiten, 14,95 Euro) ist ein Plädoyer für die Empathiefähigkeit von Kindern. Vertrauen zu sich selbst zu haben, sei eine Grundvoraussetzung, sich seiner Umgebung zu öffnen. "Miteinander" stellt Übungen vor, wie Kinder den Kontakt zu sich, ihrem Körper und ihrem Selbstbild finden. Neben Juul haben der Autor Peter Høeg und vier Experten für Entwicklungspsychologie, Bewusstseinsforschung, soziales Lernen und Migrationsarbeit mitgeschrieben.

Im Theater Freiburg gibt es am Mittwoch, 21. März, um 20 Uhr einen Live-Talk mit Juul und Helle Jensen.  

Autor: st

Autor: Stephanie Streif