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27. Juni 2014 08:10 Uhr

Stressbelastung

Hochsensible fühlen sich oft missverstanden

Dünnhäutig oder hyperemphatisch: Hochsensible fühlen sich von ihren Mitmenschen oft missverstanden. Sie leben quasi ohne Filter für die Reizflut der Welt. Wie sieht das aus und was kann helfen?

  1. Erhöhte Stressbelastung: Hochsensiblen Menschen schlägt vieles auf den Magen. Foto: Patrick Pleul (dpA)

Von zickig, wie es ihresgleichen gerne nachgesagt wird, kann bei ihr gar keine Rede sein. Warmherzig und einfühlsam empfängt Marianne Berger, wie sie hier heißen soll, ihre Besucherin: Schalen mit Kirschen und Melonenwürfeln hat sie gerichtet. Sie weiß ja, wie gereizt sie selber wird, sobald sich Hunger und Unterzuckerung melden. Irgendwas zu warm oder zu kalt? Bitte Bescheid sagen, wenn’s zieht. Auch das kennt die 54-Jährige schließlich aus eigener Erfahrung: Wie empfindlich sie reagiert auf jeden falschen Luftzug, auf zu viel Lärm, zwickende Kleidung, Stimmungen, unangenehme Gerüche. Einmal hat ihr Mann unten in der Küche was gebrutzelt, und sie hat schon von weitem gerochen, dass es anbrennt. "Er stand daneben und hat’s nicht mitgekriegt."

Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass ein Sensibelchen wie sie sich auf dem Bauernhof, auf dem sie aufgewachsen ist als jüngstes von vier Kindern, mit ihren stets ausgefahrenen Antennen fehl am Platz fühlen musste. "Da wurde nicht nach Gefühlen gefragt", erinnert sich die geschmackvoll gekleidete schlanke Frau mit der gepflegten Kurzhaarfrisur. Nicht nur, weil den Eltern die Arbeit über den Kopf gewachsen wäre. Die Mutter traumatisiert nach einem Missbrauch, der Vater mit 17 in den Krieg gezwungen: Da sei nur noch Funktionieren angesagt gewesen.

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Heimweh, wenn sie in den Ferien zu Verwandten geschickt wurde, konnte sie sich nicht erlauben. "Sei nicht so empfindlich, reiß dich zusammen", bekam das Kind zu hören. Das fand sich selbst irgendwann komisch, zu empfindlich, irgendwie nicht passend in dieser Welt. "Ich dachte, es liegt an mir, dass ich nicht gebacken kriege, was andere schaffen." Sie hat sich zusammengerissen, kein Aufhebens mehr gemacht von ihren Empfindungen und "irgendwann gar nichts mehr gespürt".

Mit diesem Bündel aus Selbstzweifeln und angestrengten Anpassungsversuchen ist Marianne Berger durch ihr ganzes weiteres Leben gegangen – bis ihr vor ein paar Jahren ein Buch von Elaine N. Aron über Hochsensibilität in die Hände fiel. Mitte der 1990er-Jahre hatte die US-Psychologin das Phänomen von Menschen erstmals beschrieben, die angeblich mehr Reize aufnehmen als der Rest der Bevölkerung und sie mit einer stärkeren Intensität verarbeiten. Ihnen fehle, so die Behauptung der Psychologin, ein Filter, mit dem die meisten Menschen aus der Reizflut das Wesentliche herausfiltern könnten. Hochsensible hingegen seien ständig einem ungefilterten Wust aus Sinneseindrücken und Stimmungen ausgesetzt. Verantwortlich für diese andere Reizverarbeitung sei eine erblich bedingte besondere neuronale Konstitution der zuständigen Hirnareale.

Von der Neurowissenschaft sind diese Behauptungen nicht belegt, so dass sich inzwischen zahlreiche Mythen um die Hochsensibilität ranken: Zusammenhänge mit Hochbegabung oder ADHS werden konstruiert, esoterische Strömungen kultiviert, auch elitäre Tendenzen lassen sich ausmachen, die die Gruppe der Hochsensiblen als eine der Mehrheitsbevölkerung überlegene verstanden wissen wollen. Sie gelten als besonders kreativ und mit einem Gespür für Ästhetik ausgestattet. "Wenn die Haut zu dünn ist – vom Manko zum Plus", "Zart besaitet: Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen" – mit Ratgeber- und Lebenshilfeliteratur lassen sich inzwischen ganze Regale füllen. Zahllose Internetforen laden zum Austausch ein. Spezielle Discos, Partnervermittlungsagenturen oder Reiseangebote für Hochsensible sind auf dem Markt.

Für Marianne Berger muss es wie eine Offenbarung gewesen sein, als sie zum ersten Mal darüber las. "Mir ist aufgefallen: Das kenne ich doch alles. Ich bin mir bis dahin immer so blöd vorgekommen." So geht es offenbar vielen, die sich davon betroffen fühlen: "Hochsensibilität scheint eine Beschreibung für Menschen zu sein, die vielfältig leiden und keine Hilfe finden. In dem Modell fühlen sich viele aufgehoben", sagt ein forschend und therapeutisch tätiger Diplom-Psychologe an der Freiburger Uni, der aber namentlich als Experte nicht in Erscheinung treten will. Alle Aussagen über das Thema erscheinen ihm "viel zu spekulativ". Von bis zu 20 Prozent der Bevölkerung, die hochsensibel seien, geht Elaine Aron aus. Die Zahl scheint schwer überprüfbar, handelt es sich doch um kein definiertes Störungsbild mit klaren Messkriterien. Im Internet kursieren Fragebögen, mit denen sich jeder selber als mehr oder weniger hochsensibel einstufen kann. Für Marianne Berger ist es eine "Eigenschaft wie wenn jemand Linkshänder ist".

"Hochsensible Menschen sind keine abgegrenzte Gruppe", sagt Maren Engelbrecht-Greve. "Jeder ist ein Individuum mit seinen ganz speziellen Prägungen und Bedürfnissen. Auf der Skala zwischen hochsensibel und nicht sensibel gibt es viele Übergänge und Abstufungen", so die 66-jährige psychologische Psychotherapeutin aus Freiburg. Prägend für Hochsensible kann nach ihren Erfahrungen werden, in welchem Umfeld sie aufgewachsen sind. Einfühlsame Eltern, die ihre besondere Disposition erkennen, ersparten den Kindern viel Stress. Werde aber über die Bedürfnisse "drastisch sensibler" Kinder – so ein Ausdruck aus der Szene – hinweggegangen, sei ein erhöhter Cortisolspiegel und damit eine höhere Stressbelastung die Folge. Für ihr Umfeld können sie dann anstrengend werden. "Ich musste den Kontakt abbrechen", erzählt eine Frau über eine Bekannte, die sich als hochsensibel bezeichnet habe. "Alles, was ich gesagt habe, interpretierte sie so, als wolle ich sie absichtlich verletzen. Mit ihr weggehen war eine Qual, denn auch die restliche Menschheit war ja nur unterwegs, um sie übel zu behandeln…". Tamara, eine 40-jährige verheiratete Mutter von zwei Kindern, räumt in einer Sendung des Deutschlandfunks ein: "Es kann schon sein, dass man zickig rüberkommt: zu anspruchsvoll, zu kompliziert, das kann mühsam werden für die anderen."

"Verfolgungswahn ist kein Merkmal von Hochsensibilität", betont Maren Engelbrecht. Aber "viele landen beim Psychotherapeuten". Nicht wegen der Veranlagung selbst, sondern wegen des Stresses, den sie in einem anders gepolten Umfeld haben. Verhaltenstherapeutisch orientierte Stressbehandlungskonzepte sind darauf aus, die Belastbarkeit der Klienten schrittweise zu erhöhen. Aber "Hochsensible empfinden sich ja als empfindsamer als andere und wollen ihre Eigenart nicht angetastet haben, in der sie eine besondere Qualität sehen", beschreibt der Uni-Psychologe die Schwierigkeiten einer Therapie.

Diese besondere Qualität gesteht ihnen auch Maren Engelbrecht zu. Bei Tieren sei es ein Überlebensvorteil, wenn sie ihre Antennen besonders weit ausfahren könnten. Marianne Berger schafft es kaum, Nachrichten zu sehen oder einen Krimi anzuschauen. Stundenlang wird sie von den Horrorbildern verfolgt. Sich auf eine distanzierte Beobachterrolle zurückzuziehen, ist für sie unmöglich. "Sie kann sich gar nicht dafür entscheiden, weil ihre Reizverarbeitungsmechanismen das nicht zulassen", sagt die Psychotherapeutin. Und soll man von ihr wirklich verlangen abzustumpfen gegen die Tierquälereien um des Billigfleischs willen oder die unmenschlichen Arbeitsbedingungen von Textilarbeiterinnen in Bangladesh? "Ist es pathologisch, wenn ich dabei was empfinde, oder sind diese Zustände pathologisch?", fragt sich die 54-jährige Mutter eines Sohnes.



Seit zwei Jahren ist die beamtete Haushaltswissenschaftlerin im – befristeten – Ruhestand, weil die Bedingungen, unter denen sie arbeiten sollte, sie krank gemacht haben. Ihre alte Überlebensstrategie – "nicht auf mich zu hören" – hat sie über Bord geworfen. Keine Krimis, große Menschenansammlungen meiden, lieber tiefsinnige Gespräche im kleinen Kreis als Smalltalk in der Masse. "Jeder sollte sich je nach seiner Sensibilität das Umfeld und die privaten und beruflichen Kontakte suchen, die ihm oder ihr guttun", empfiehlt Maren Engelbrecht.

"Hochsensible brauchen einfach nur die Erlaubnis, mit ihren Grenzen umgehen zu dürfen und so zu sein, wie sie sind", vermutet auch der Uni-Psychologe. Marianne Berger ist "noch am Lernen, besser auf mich aufzupassen". Sie erwartet dabei gar nicht, dass irgendjemand auf ihre Bedürfnisse Rücksicht nimmt. "Niemand kann was dafür, wenn ich es nicht fertig bringe, Nein zu sagen."
Hochsensibilität

Gesprächsgruppe: Seit eineinhalb Jahren gibt es in Freiburg eine "Gesprächsgruppe Hochsensibilität". Ihre Mitglieder kommen aus ganz Südbaden und treffen sich einmal im Monat.
Kontakt: Telefon 0761/21687-35 oder selbsthilfe@kur.org
Veranstaltungshinweis: Am kommenden Mittwoch, 25. Juni, 19 Uhr laden die Gesprächsgruppe und das Selbsthilfebüro Freiburg zu einem Vortrag von Maren Engelbrecht-Greve zum Thema: "Hochsensibel – was ist das? Und wie lässt es sich gut damit leben?" im Friedrichsbau, Paritätischer Wohlfahrtsverband, Kaiser-Joseph-Straße 268, Freiburg (Eintritt frei)

Autor: Anita Rüffer