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25. Juni 2009

Atemlose Zypressen

BZ-Porträt: Friederike Mayröcker erhält am Samstag in Offenburg den Hermann-Lenz-Preis für ihren Lyrik-Band "Scardanelli"

  1. Liebesspiel mit der Sprache: Friedrike Mayröcker Foto: Herbert Spies

Mit dem seit 1999 in Erinnerung an den Schriftsteller Hermann Lenz vergebenen und mit 15 000 Euro dotierten Hermann-Lenz-Preis des Offenburger Verlegers Hubert Burda wird am Samstag die österreichische Lyrikerin Friederike Mayröcker ausgezeichnet – besonders für ihren im Frühjahr erschienenen Lyrikband "Scardanelli". Ein Porträt aus gegebenem Anlass.

Vielleicht liegt das Geheimnis dieser Dichterin in einer Schöpfungsfrömmigkeit. Sie kultiviert eine Demut gegenüber den Dingen der Welt, die vollständig in einer berührenden lyrischen Zartheit aufgegangen ist. Schon immer war in Friederike Mayröckers Dichtung das Flüchtigste eingraviert, das winzige Naturdetail, das "Kaum-geschehen-schon-vorbei". Aber nie war ihre Sprache den unscheinbaren Phänomenen zugewandter, nie war sie intensiver unter die Erscheinungen gemischt als in ihrem Spätwerk "Scardanelli".

Wo in vielen Alterswerken zeitgenössischer Lyriker die Gestaltungskraft nachlässt und die Selbstgefälligkeit sich vordrängt, da erreicht die mittlerweile 84-jährige Mayröcker den Gipfel ihrer Kunst. Ihr lyrisches Ich spricht in der Maske des späten Hölderlin, der nach Ausbruch seiner Krankheit viele Poeme mit dem Pseudonym "Scardanelli" unterzeichnete. Und die auflösende Bewegung vieler Verse hat sich Mayröcker anverwandelt. Und dies artikuliert sich als magische Beschwörung des Naturzaubers – all der "trinkbaren Frühlingsblüthen", der "atemlosen Zypressen" oder der "Monstranz der Holunderbaumblüten", die auch in früheren Werken auftauchen. Eine Fügung wie "Monstranz der Holunderbaumblüten" verweist auf die religiöse Grundierung dieses Œuvres. Bereits in ihrer Dankrede zum Büchnerpreis, den sie 2001 erhielt, hatte sich Mayröcker zum "apostolischen Stil" ihres Werks bekannt. Die Sprachbewegungen in ihren jüngsten Büchern sind nun noch katholischer eingefärbt. "Ich glaube sehr fest an den heiligen Geist", formulierte sie in ihrem Prosawerk "Und ich schüttelte einen Liebling" (2005), um zu resümieren: "Es war alles ein Sakrament".

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Zu dieser religiösen Vorstellungswelt gehört auch der Topos von den "Fittichen", auf denen sich das schreibende Ich zur Sprache und in die Lüfte tragen lässt. Immer wieder tritt ein Engel der Schrift in Erscheinung, eins jener Wesen im "Äther", die für das schreibende Ich die Verbindung zu den geliebten Menschen herstellen. Dies alles wiederholt sich in "Scardanelli" – aber die sanft fließende, assoziativ ausschweifende Sprache gewinnt hinzu durch die Anverwandlung fragmentierter Hölderlin-Zitate und des hymnischen Tons seiner Verssprache.

"Scardanelli" ist ein grandioses Erinnerungs- und Abschiedsbuch. Viele Todesbilder sind eingegangen, Antizipationen des eigenen Sterbens. Alle Zentralgestalten von Friederike Mayröckers Lebensgeschichte werden aufgerufen: die tote Mutter, jüngst verstorbene Kollegen und natürlich Ernst Jandl, der Lebensgefährte, mit dem die Dichterin ein halbes Jahrhundert in einer einzigartig symbiotischen Beziehung lebte. Mit "Scardanelli" ist Mayröcker an den Anfang ihrer Schreibbesessenheit zurückgekehrt. Im Hinterhof eines Abbruchhauses, stand einst in den "Magischen Blättern" zu lesen, begann die Selbstverwandlung des tagträumenden Mädchens in Schrift.

An einem Pfingsttag Anfang der vierziger Jahre kam es zu einem Offenbarungserlebnis, das die Fünfzehn-, Sechzehnjährige auf den Königsweg der Poesie beförderte. Beim Umherschweifen im Hinterhof entdeckt sie einen kahlen Strauch, der zu brennen beginnt: "Ich wanderte dann umher und kauerte nieder und schrieb im Anblick des brennenden Busches mein erstes Gedicht." Ob es sich um eine wahre Begebenheit oder eine erfundene Initiationsszene handelt, ist nicht sicher zu entscheiden. Gewiss ist, dass die Verschmelzung von Motiven aus dem Alten und dem Neuen Testament einen schöpferischen Unbedingtheitsanspruch anmeldet. Pfingsten und der brennende Dornbusch geben dem Schreibfuror die höhere Weihe.

Nach 1945 harrte Mayröcker dann 23 Jahre lang in ihrem Brotberuf als Lehrerin aus, bevor sie ihrerseits den Sprung in die freie Schriftstellerexistenz wagte. Im Jahr 1954 kam es schließlich zur lebensentscheidenden Begegnung mit Ernst Jandl. Seither inszeniert sie ihr "Liebesspiel mit der Sprache", die Lust am poetischen "Exzess". Ihr Schreiben vergleicht sie selber mit "narrativen Fieber-Abläufen, welche sich (besinnungslos) einer halluzinatorischen Sprachklimax annähern". Diese manischen Grenzgänge in den Bezirken von Traum, Tagtraum und Selbstanalyse treiben die Bewegungen aller Mayröcker-Texte voran. Aber nie wurde dieses "Liebesspiel mit der Sprache" noch zarter und ergreifender vorgeführt als in "Scardanelli".
– Friederike Mayröcker: Scardanelli. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 56 Seiten, 14,80 Euro.

Autor: Michael Braun