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24. September 2011
Der Freigeist mit dem variablen Tunnelblick
Zweiter Freiburger Poetry Slam im Waldsee.
Freiburg und Poetry Slam – das passt prima zusammen: Egal ob im Café Atlantik, in der Mensabar oder gar im Stadttheater – das meist studentische Publikum strömt begeistert zu den Dichter-Wettstreiten, bei denen es neben der Qualität der selbstgeschriebenen Texte vor allem auf deren möglichst mitreißenden Vortrag ankommt: Gespickt mit Lautpoesie, Reimen und Wortspielen, dabei oft stark rhythmisiert im Sinne des Rap-Sprechgesangs, mal Comedy, mal flügelzarte Poesie, immer aber ohne Requisiten und Kostüme – so gilt es, das Publikum zu überzeugen. Denn im klassischen, in Chicago entwickelten Format vergibt die Zuschauerjury Punkte und kürt am Ende den Sieger-Slammer.
So was kommt an, paart sich hier doch die Freude an der Sprache mit einem ausgesprochen kurzweiligen Event-Charakter und wird so zu einer Art Show der Volkspoesie. Auch beim zweiten von Roland Zipfel organisierten und moderierten Poetry Slam im Freiburger Waldsee bricht der Saal aus allen Nähten. Doch selten sind Publikum und Teilnehmer so altersgemischt: Zehn Kandidaten von 18 bis 76 Jahren aus Baden-Württemberg stehen am Start, fünfeinhalb Minuten Zeit haben sie für ihre Texte, bis die Eieruhr unerbittlich klingelt und das Publikum entscheidet, ob es in die Verlängerung geht. Um ein wenig das Gas herauszunehmen, gibt es dazwischen Live-Musik von Pianistin Dorothee Rentschler.
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Der Einstieg ist grandios: Wenn der Straßenmusiker Philipp Ziem aus Stuttgart mit hohem Tempo und originellen Sprachkreationen von jener Eva, dem "Freigeist mit dem variablen Tunnelblick" erzählt oder Manuel Kratz aus Heidelberg sich als "mageren Wicht, der phonetischen Brei erbricht" bedichtet und damit Lust und Leid der Verbalonanie; wenn Kornelius Friz aus Göppingen eine satirische Hommage an die gute alte "Tagesschau" zum besten gibt, die schon lange hinter Facebook und Twitter gestorben ist – dann taucht es sich mühelos ein in dichte Texte mit ausgefeiltem Spannungsbogen und eigenwilliger Sprachmelodie, deren Vortragsperformance fesselt und deren abrupte Sprünge vom Persönlichen zum Gesellschaftskritischen immer wieder überraschen. Und auch die 76- jährige Freiburger Philologin Heidrun Pelz erobert mit ihren an Ringelnatz und Morgenstern erinnernden Tiergedichten die Herzen im Sturm, so witzig und mädchenhaft zugleich agiert sie auf der Bühne. Überhaupt sind mit Alica Läuger und Tina Wirtz gleich drei Frauen mit dabei – auch dies eine Seltenheit beim immer noch männerbestimmten Poetry Slam.
Nicht alle Beiträge sind hochkarätig, manche haben wenig Inhalt oder kaum eine Bühnenshow zu bieten – und dieses Gefälle raubt der Veranstaltung zur fortgeschrittenen Stunde zunehmend den Glanz. Immerhin dauert die Sache alles in allem über drei Stunden – da wäre mehr Qualität und weniger Quantität wünschenswert gewesen. Doch Stilbreite und Themenvielfalt sind verblüffend und halten einen am Ball: So bieten die Zwillinge Felix und Till Neumann schlichte Texte bei mitreißendem, weil ebenso stimmgewaltigem wie körperbetontem Vortrag und der großartige Freiburger Slammer Simon Felix Geiger lässt als Überraschungsgast das Genre am Ende noch einmal richtig funkeln.
Alles in allem ein inspirierender Abend in Sachen Poesie. Gewonnen hat übrigens Philipp Ziem – absolut zu Recht!
– Nächster Poetry Slam auf der Freiburger Kulturbörse im Januar 2012.
Autor: Marion Klötzer
