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28. August 2010

Der gesprengte Stern

Zwischen Streitlust und Geldnot: Eine Frankfurter Ausstellung zum 40-jährigen Bestehen des Stroemfeld Verlags.

  1. Das Stroemfeld-Kollektiv: Michael Leiner, KD Wolff, Doris Kern, Rudi Deuble und Alexander Losse (von links) Foto: nationalbibliothek

Eines stand für Klaus Theweleit unumstößlich fest: "Die ,Männerphantasien‘ werden nicht grün". Um die Umschlagfarbe für den bis heute größten Bestseller des Verlags Stroemfeld/Roter Stern wurde 1977 in einer Villa im Frankfurter Nord-end wochenlang gerungen. Denn Verlagsleiter KD Wolff war zuvor Lektor in Jörg Schröders legendärem März-Verlag gewesen, wo alle Bücher in Gelb erschienen – bei ihm sollte es Grün sein, die Komplementärfarbe zum Roten Stern, der 1993 in Konkurs ging. Theweleit, der wie der SDS-Vorsitzende Wolff zur Freiburger Gruppe des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) gehörte, setzte sich schließlich durch: Auf dem Einband der epochemachenden "Männerphantasien" prangte eine Lok auf dem Hindenburgdamm und beendete damit offiziell die grüne Ära der Anfangsjahre, wie sie die Besucher am Eingang der Frankfurter Ausstellung "40 Jahre Verlag Stroemfeld/Roter Stern" empfängt.

Doch der Stern ist gesprengt, seine Linien sind aufgebrochen und für die Besucher passierbar. Gut 500 Bücher aus dem Verlagsprogramm sind auf den hellen Regalen zugänglich, können in die Hand genommen und gelesen werden – eine basisdemokratische Revolution für Literaturausstellungen, wie sie zutiefst dem Stroemfeld’schen Geist entspricht. Die gastgebende Deutsche Nationalbibliothek habe ihre Bestände dafür nicht freigeben wollen, so Wolff. Deshalb entsandte er drei tapfere Volontärinnen in eine Scheune nach Preungesheim, um die Belegexemplare zu entstauben. Dabei förderten sie Schätze wie die Studien zur Märzrevolution des Freiburger Historikers Erhard Lucas zutage oder die gesammelten Werke des Berliner Religionswissenschaftlers Klaus Heinrich. Mit Georg K. Glasers Autobiographie "Geheimnis und Gewalt" und Otto Mainzers "Prometheus" seien nur zwei Meilensteine der Exilliteratur genannt. Blättern lässt sich ebenso in den Werken des "wilden Analytikers" Georg Groddeck (1866–1934), in Klassikern der Filmtheorie oder in "Trieb und Feder" der Philosophin Eva Meyer.

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"Ich mag dich", bekannte Wolff 1978 in seinem ersten Brief an den Schriftsteller Peter Kurzeck, den er instinktsicher im Verlag willkommen hieß. Ausstellungsmacher Boris Banozic ermöglicht zwischen den "gesprengten" Regalen die Konzentration auf Vitrinen mit Briefwechseln und Devotionalien wie dem Bundesverdienstkreuz am Bande. Widerstrebend hatte es KD Wolff, gegen den seit der Studentenbewegung 38 Strafverfahren liefen, schließlich doch angenommen. Ein denkwürdiger Marsch durch die Institutionen für einen, der Gudrun Ensslin im Gefängnis besucht und als Verleger mit den Kampfschriften der Black Panther debütiert hatte. Als Austauschschüler hatte er ein Jahr in den USA verbracht, machte sich aber während des Vietnam-Kriegs unbeliebt. Zeitweise hatte er Einreiseverbot, 2009 war ihm erneut ein Visum verweigert worden, wie sein Pass mit dem "Cancelled"-Stempel beweist. Die Posse soll nun mit einem Stipendium in Wisconsin ihr Happy End finden.

Streitlust und vehement in der Öffentlichkeit beklagte Geldnot sind zwei Konstanten des kleinen Verlags, der seit dem 1. September 1970 nicht nur linke Geistesgeschichte geschrieben hat. Die bürgerliche Regel, wonach man über Geld nicht spricht, gilt für den 67-jährigen Karl Dietrich Wolff nicht. Aber ohne diese Chuzpe wäre Stroemfeld mit seinen Standbeinen in Frankfurt und Basel auch nicht zu einer ersten Adresse der Editionskultur von Klassikern geworden, die mit der 33-bändigen Frankfurter Hölderlin-Ausgabe 1975 ihren Anfang nahm. Initiiert hatte sie D. E. Sattler, ein Grafiker ohne Abitur, gesetzt wurde der Einleitungsband auf einem IBM-Composer 82. Er ist ebenso zu sehen wie Hölderlins anrührend kleiner Tisch aus dem Tübinger Turm.

"Wir versuchen, ein Stückchen literarische Tradition zu retten, die diese Gesellschaft längst aufgegeben hat", sagt KD Wolff zu seinen Editionen von Heinrich von Kleist über Karoline von Günderrode, Franz Kafka bis Gottfried Keller und demnächst Robert Walser. Mit dem Ansatz, dass der Leser unmittelbar Zugang zur Originalhandschrift haben soll, wurden germanistische Traditionen auf den Kopf gestellt. Der Herausgeber Roland Reuß zog bei der Eröffnung der Ausstellung dennoch ein vernichtendes Fazit: "Es ist symptomatisch für die Schwundstufe der literarischen Öffentlichkeit, dass sie ihr Bestreben darauf richtet, Büchertitel bei Google gelistet zu sehen." Aus einer späten Notiz Hölderlins stammt das verwunschene Ausstellungsmotto "Tende Strömfeld Simonetta". Ein Texträtsel, dessen Zauber hoffentlich noch lange anhält.
– Bis 4. September in der Deutschen Nationalbibliotkek, Adickesallee 1, Frankfurt am Main.

Weitere Informationen:           http://www.d-nb.de

Autor: Katrin Hillgruber