Ein Schriftsteller als Sachverständiger

Mechthild Blum

Von Mechthild Blum

Sa, 01. Dezember 2012

Literatur

Ungewöhnliche Begegnung: Wolfgang Schorlau las im pharmazeutischen Institut der Uni Freiburg aus seinem jüngsten Krimi.

Wo gibt’s denn sowas? Da lädt ein wissenschaftliches Institut ausgerechnet einen Kriminalschriftsteller ein, aus seinem jüngsten Roman zu lesen. Und will mit ihm über gesellschaftliche Auswirkungen eines Teilbereichs der dort gelehrten Wissenschaft diskutieren. In Freiburg ist das möglich: Vor einem voll besetzten Hörsaal im Otto-Krayer-Haus, wo das Institut für Pharmazeutische und Medizinische Chemie der Universität untergebracht ist, las Wolfgang Schorlau aus seinem Buch "Die letzte Flucht" – in einem "typischen Hörsaal eine untypische Veranstaltung", wie der Moderator des Abends Heinz Siebold anmerkte.

Aber bei Schorlau geht es um das Gesundheitswesen. In seinem Roman enthüllt der Autor im Zuge der Aufdeckung eines unglaublichen Verbrechens durch seinen Privatermittler Georg Dengler – so etwas wie ein Alter Ego des Schriftstellers, wie er an diesem Abend bekannte –, wie real die Bedrohung durch die übermächtige Pharmaindustrie bereits geworden ist. Klar, dass das angehende Pharmazeutinnen und Pharmazeuten gleichermaßen wie Apothekerinnen und Apotheker interessiert. Ebenso all die anderen im Publikum, die in medizinischen oder pharmazeutischen Bereichen tätig sind. Eine der zentralen Fragen war denn auch: Wie kommt es, dass wir fast täglich irgendwelche Nachrichten aus dem Gesundheitswesen geliefert bekommen und doch so wenig darüber wissen, wie dessen Struktur tatsächlich aufgebaut ist und wie es in seinem innersten Kern funktioniert. Laut Schorlau – und von anwesenden Wissenschaftlern wie dem am Austausch nach der Lesung als Gesprächspartner teilnehmenden Michael Müller, Professor für Pharmazeutische und Medizinische Chemie an der Albert-Ludwigs-Universität, nicht bestritten – kommt der Pharmazeutischen Industrie eine zentrale Rolle zu.

Und es war dann auch vor allem Schorlau, der aufgrund seiner akribischen Recherchen zum Roman quasi als Sachverständiger Rede und Antwort stand: Ob es nun um die "Geschenke" via Marketing der Pharmaindustrie ging, die immerhin 40 Prozent des Etats der Unternehmen ausmachen, die wie keine andere Branche sagenhafte Renditen von jährlich etwa 25 Prozent einfahren (Daimler schafft gerade mal acht Prozent), um die beschämend geringen innovativen Ergebnisse der Forschung, in die nur zehn Prozent der Budgets fließen und in den Jahren 1990 bis 2009 ganze fünf tatsächlich neue Wirkstoffe entwickelten (drei weitere kamen aus der Klinischen Forschung). Oder ob es um die "Empfänglichkeit" der sogenannten Verordner, der Ärztinnen und Ärzte, die Neudefinition von Krankheitsbildern und die daraus folgend gehäufte Medikamentenabgabe, die Rolle der Krankenkassen, der Medien bzw. der Politik (siehe Tamiflu, dessen höchst eingeschränkte Wirksamkeit laut Müller seit 2004 bekannt war) oder die bedrohte Unabhängigkeit von Forschung und Lehre ging. Nichts von alledem konnte an diesem Abend, wo sich Kultur und Wissenschaft auf so ungewöhnliche Weise trafen, erschöpfend diskutiert werden, aber alles gab reichlich Anlass und Stoff, um sich weiter damit zu befassen. Auch mit Schorlaus Kriminalromanen, die immer auch der Aufklärung brennender Probleme unserer Gesellschaft dienen.