Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

17. Januar 2012

Eine lebende Bombe

"Blown Away": Ein finnischer Thriller über die Entwicklung einer Außenseiterin zur Rächerin.

Wie lässt sich "Blown Away" übersetzen? Zum Beispiel mit "weggepustet", aber auch mit "explodiert". Dass der Untertitel dieses Jugendthrillers "Voller Hass" lautet, ist schon ein erster Hinweis auf die Wucht, die im Werk der finnischen Autorin Terhi Rannela steckt. Gleich zwei Themen hat sie in die Geschichte um das Mädchen Aura gepackt: Mobbing und Amoklauf.

Als ihre Mutter nach einem Autounfall stirbt, ist Aura zehn Jahre alt. Bei der Beerdigung kann sie nicht weinen – denn ihr Vater hat ihr eine Beruhigungstablette gegeben. Symbolisch für die kommenden Jahre: selbst überfordert, stellt er das Kind ruhig. In seinem Kummer trinkt er viel und kümmert sich mehr um seine Forschungsarbeit als um die kleine Aura. Liebevoll bemühen sich die Großeltern um die Enkelin, können aber nicht ahnen, dass sie an der neuen Schule verspottet und gemieden wird. "Du bist nicht so schlau, wie du denkst. Du bist nur altklug und lästig", hört Aura jetzt von Klassenkameradinnen – und noch vieles mehr wie "Loser" oder "fette Kuh". Aura entwickelt sich zur Außenseiterin, und niemand weiß, wie sie wirklich tickt. Sie dreht den Spieß um: Aus dem Opfer wird eine Täterin. Mit all ihrer Klugheit, Trauer und Verletztheit beginnt sie, sich an den anderen zu rächen.

Werbung


Später, als Aura mit 18 den (nicht mehr ganz) jungen Henri trifft, glaubt sie an die große Liebe und lässt sich von seinen Ideen (ver-)leiten. "Man braucht keinen Abschluss in Psychologie, um zu erkennen, dass Aura seit langer Zeit nicht geliebt worden ist", denkt Henri nach dem ersten Zusammentreffen. Er ist fasziniert von der Möglichkeit, das Mädchen zu manipulieren. Und tut das nach allen Regeln der Kunst. Das Liebespaar nennt sich Andreas und Ulrike – nach dem Vorbild der Terroristen Baader und Meinhof. Henri-Andreas’ endgültiges Ziel: Aura soll die Schulversammlung "sprengen" – indem sie als lebende Bombe reinspaziert. Ob sie es tun wird?

"Ich hatte die Idee zu dem Buch nach dem Bombenanschlag von Myyrmanni im Jahr 2002, in der Nähe von Helsinki", sagt Terhi Rannela. Damals starben sieben Menschen, 66 wurden verletzt. 2000 Menschen waren in dem Shoppingcenter unterwegs, als die Bombe hochging, die ein 19-Jähriger gezündet hatte. Rannela überlegte: "Was wäre, wenn ein Mädchen etwas derart Aggressives tun würde? Warum würde sie es tun – und wie?" So entstand Auras Charakter.

In der Tat: Aura hat Charakter – sie entwickelt sich vom hilflos trauernden Kind zur selbstbewussten Rächerin, vielleicht sogar Amokläuferin. Bedrückt verfolgen wir, wie Aura trotz aller Angebote – seitens einer Psychologin, der Großeltern und dem geläuterten Vater – an den falschen Freund gerät. Durch die Briefe, die Aura an die verstorbene Mutter schreibt, wird viel von ihrem Innenleben spürbar. So bleiben der Figur Sympathien erhalten, auch wenn es manchmal schwerfällt, sie zu mögen. Und am Ende? Schaut man auch auf die eigene Schulzeit mit anderen Augen. Und genau das macht diesen Thriller mit Sprengkraft für Jugendliche so spannend.
– Terhi Rannela: Blown Away. Roman. Aus dem Finnischen von Laura Hirvi. Kosmos Verlag, Stuttgart 2011. 264 Seiten, 12,95 Euro. Ab 14.

Autor: Ursula Thomas-Stein