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10. Juni 2011
Literatur
Friedenspreis für algerischen Autor Boualem Sansal
Der algerische Autor Boualem Sansal erhält den Friedenspreis.
Es ist eine mutige Entscheidung im richtigen Augenblick: Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal erhält in diesem Jahr den vom Börsenverein gestifteten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Es liegt auf der Hand, dass die Jury mit ihrer Entscheidung "ein Zeichen setzen will für die Demokratiebewegung in Nordafrika", wie es Börsenvereinsvorsteher Gottfried Honnefelder formuliert hat. Aber die am 16. Oktober in der Frankfurter Paulskirche überreichte, mit 25 000 Euro dotierte Auszeichnung gilt nicht nur einem engagierten Intellektuellen, der für die Freiheit des Wortes den Posten eines Generaldirektors im algerischen Ministerium für Industrie und Umstrukturierung verloren hat. Er gilt auch einem leidenschaftlichen Erzähler, der in seinen bisher erschienenen fünf Romanen – so die Jury in ihrer Begründung – "geistreich und mitfühlend die Begegnung der Kulturen in Respekt und wechselseitigem Verstehen befördert".
In seinem zuletzt auf Deutsch beim kleinen unabhängigen Merlin Verlag erschienenen Roman "Das Dorf der Deutschen: Das Tagebuch der Brüder Schiller" wagt sich Sansal an eins der größten politischen Tabus im arabischen Raum: den Holocaust. Der Text deckt auf, dass in den Reihen der algerischen Befreiungsbewegung FLN eine Reihe Deutscher, meist ehemalige SS-Offiziere, mitkämpfte. Kein Wunder, dass das 2009 herausgekommene Buch des Autors, der trotz Anfeindungen und öffentlicher Isolierung nach wie vor in Algerien lebt, für Aufsehen und Furore sorgte.
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Einem größeren deutschen Publikum ist Sansal bisher gleichwohl nicht bekannt geworden, während er in Frankreich eine "ganz große Nummer" ist, wie der Pressesprecher des Merlin Verlags Andreas Schmitt versichert. Das liege, so Schmitt, nicht zuletzt an den Vertriebsstrukturen seines kleinen Verlagshauses, dem aber immerhin das Verdienst zukommt, der erste und einzige deutsche Verlag zu sein, der sich für Boualem Sansal in die Bresche schlägt. Seit 2003 hat der Verlag fünf Romane und einen Essayband des algerischen Schriftstellers verlegt, darunter "Der Schwur der Barbaren", "Harraga" und "Erzähl mir vom Paradies".
Mit diesem, 2004 herausgekommenen Roman ist Sansal damals bereits in Freiburg gewesen – auf Einladung des Institut Français und der Buchhandlung Jos Fritz. In dem Jahr war die arabische Welt Gastland der Frankfurter Buchmesse. Boualem Sansal war natürlich nicht Mitglied der offiziellen Schriftstellerdelegation. Eingeladen wurde er trotzdem: von der Buchmesse, die im Vorfeld ein Symposium mit den unterdrückten literarischen Stimmen der arabischen Länder veranstaltete. Seitdem ist Sansal, der zu den anerkanntesten internationalen Schriftstellern der Gegenwart gehört, jedes Jahr in Deutschland gewesen.
Nun hofft sein Verlag, dass Boualem Sansal, der "auf allerhöchstem literarischen Niveau" (Schmitt) europäische Erzählformen mit arabischer Tradition verbindet, hierzulande endlich aus dem frankophilen Ghetto befreit wird. Die Hoffnung sollte sich erfüllen. Es ist nicht nur ein Preisträger zu würdigen. Ist ist ein Dichter zu entdecken.
Autor: Bettina Schulte
