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08. Februar 2014 00:04 Uhr

Roman

"Glücklich die Glücklichen" von Jasmina Reza

Große Schicksale in kleinen Szenen: Der neue Roman "Glücklich die Glücklichen" von Jasmina Rezas handelt von alltäglichen Liebes- und Ehekrisen in bürgerlichen Kreisen.

  1. Yasmina Rezas Foto: Pascal Victor

Männerfreunde unter sich; keine Frau in Sicht, die ihre raue Herzlichkeit stören könnte. Als Lionel mit bekümmerter Miene von seinem Sohn erzählt, der wegen seines Wahns, Céline Dion zu sein, in der Psychiatrie sitzt, prusten seine Kumpel unwillkürlich los. Niemand will sich über den armen Jungen oder gar über den verzweifelten Vater lustig machen, aber die Vorstellung ist einfach zu komisch, und schließlich muss auch Lionel lächeln: "Ich weiß, ich weiß…". In Yasmina Rezas neuem Roman wird viel gelacht, aber es liegt nichts Höhnisches oder Verächtliches darin. Jacob, der Céline-Dion-Doppelgänger, macht mit seiner unschuldigen fixen Idee nicht nur sich selbst, sondern auch Eltern, Mitpatienten, ja sogar Pfleger und Ärzte glücklich. "Glücklichsein ist Veranlagungssache" weiß Lionel, eine Frage von Stimmung, Zeit und Ort, kurz: fast unmöglich. Das von Jorge Luis Borges entlehnte Motto formuliert das Paradox als tautologische Seligpreisung: "Glücklich die Geliebten und die Liebenden und die auf die Liebe verzichten können. Glücklich die Glücklichen."

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"Ich lache gern", sagte Yasmina Reza einmal von sich, "aber das bedeutet nicht, dass ich glücklich bin". Das Lachen der Optimisten und Glückskinder ist falsch, ein Mangel an Einsicht oder Erfahrung; nur Pessimisten und Pechvögel haben wahren Humor. Mit Komödien wie "Drei Mal Leben", "Der Gott des Gemetzels" oder "Ihre Version des Spiels", die unter ihrer boulevardesken Oberfläche dunkle Schatten von Schmerz, Melancholie und Trauer verbergen, eroberte die Französin die Bühnen Europas, und ihr theatralisches Gespür für die feinen Risse in den Masken und Kulissen des bürgerlichen Lebens und ihr dramatisches Talent, große Schicksale in kleinen Szenen und beiläufigen Wortwechseln zu verdichten, kommt auch ihrer Prosa zugute: "Glücklich die Glücklichen" ist ein kleines Meisterwerk.

In 21 kurzen, lose miteinander verknüpften Kapiteln erzählt Reza von alltäglichen Liebes- und Ehekrisen in bürgerlichen Kreisen. Ihre Figuren sind Anwälte, Journalisten, Ärzte oder Politiker von Beruf, im Privatleben Ehepaare, Singles oder Geliebte, hetero- oder homosexuell. Sie leiden nicht unter materiellen Sorgen oder überlebensgroßem Weltschmerz, nur unter kleinen, gewöhnlichen Kümmernissen: Verletzter Stolz, Eifersucht, erkaltete Liebe. Alle sind einsame Monaden auf der Suche nach Glück, fallend, scheiternd, immer wieder aufstehend. "Die Dinge sind zum Verschwinden gemacht", das Glück kann sich wenden, der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht.

Robert hat im Supermarkt statt Schweizerkäse Morbier in den Wagen gelegt, Odile Schokoriegel für die Kinder. Die Nerven liegen blank, und so erwächst aus dem kleinen Dissens an der Käsetheke ein handfester Ehekrach. Die ältliche Lehrerin Marguerite hat sich bei einer Klassenfahrt in einen Kollegen verliebt; jetzt will er nichts mehr von ihr wissen, und ihr Vater kann ihr auch nicht mehr helfen: "Außer ihm kenne ich niemand im Jenseits, der von dort aus auf mich achtgeben würde. Ich komme nie auf den Gedanken, mit Gott zu sprechen. Ich war immer der Ansicht, dass man Gott nicht stören darf… Im Konzert der Fürbitten sind meine im Grunde lächerlich." Der Sohn, der seine Mutter zum Bestrahlungstermin beim Krebsarzt begleitet, schämt sich für ihren rüden Fatalismus ("Selbst das Leben wird irgendwann zu einer idiotischen Wertvorstellung") und ihr unwürdiges Greisentum. Paola findet das Süßholzgeraspel ihres Liebhabers, seine männlichen Posen und selbst seine Wohnungseinrichtung nur noch peinlich und albern. Die Eventmanagerin Chantal lässt sich von ihrem Geliebten, einem selbstgefälligen Staatssekretär mit Bauchansatz und abenteuerlichen sexuellen Vorlieben (Reza war selber einmal mit Dominique Strauss-Kahn liiert) zu einem flotten Dreier mit einer Prostituierten überreden: "Ich hatte den Marquis de Sade erwartet und bekam einen hingelümmelten Typen, der sagte Also jetzt mal ran, Mädels". Rémi, der Unternehmensberater, ist gerührt vom kämpferischen Elan, den seine Geliebte – es ist Odile, die Furie von der Käsetheke – als Anwältin asbestgeschädigter Arbeiter an den Tag legt; aber schon im Hotelzimmer ist der sentimentale Anfall vorbei: Rémi verabredet sich mit seinen Pokerfreunden und seiner neuen Favoritin, der Schauspielerin Loula. Paare sind ein unbegreifliches Rätsel, "selbst wenn man ein Teil davon ist". Frauen "fliegen auf fürchterliche Männer, weil fürchterliche Männer immer Maske tragen, als gingen sie zum Ball", die Männer machen sich zum Narren für Frauen, die unterwürfig an ihnen kleben oder sie heimtückisch verraten, und Chantal ist überhaupt fertig mit der Liebe: "Paare widern mich an. Ihr gemeinsames Einschrumpeln, ihre staubige Komplizenschaft. An dieser ambulanten Struktur, die voller Spott für die Einzelgänger die Zeiten überdauert, gefällt mir überhaupt nichts".

Paare sind ein unbegreifliches Rätsel

So haben alle ihre kleinen Geheimnisse und Ausreden, ihre Flucht- und Ablenkungsstrategien - und bleiben doch allein mit ihren Ängsten, Träumen und lächerlichen Sehnsüchten, im Ehebett und im Supermarkt, beim Angeln oder beim Bridgespiel und erst recht im Grab. Eine falsche Geste, ein unbedachtes Wort, und schon zerbrechen Lebensentwürfe und Liebesbeziehungen und hinterlassen Abgründe von Leere und Langeweile. Auf engstem Raum, in knappen inneren Monologen, beschreibt Reza die kleinen Missverständnisse und großen Katastrophen zwischen Männern und Frauen, Eltern und ihren Kindern, Freunden und Arbeitskollegen. "Glücklich die Glücklichen" trägt die Genrebezeichnung "Roman"; aber eigentlich ist es ein Puzzle von komischen und traurigen Erzählungen, ein Theater der verlorenen Illusionen, mit einem Wort: eine grandiose Menschliche Komödie im Taschenformat.

Yasmina Reza: Glücklich die Glücklichen. Roman. Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel. Hanser Verlag, München 2014, 175 Seiten, 17,90 Euro.

Autor: Martin Halter