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16. Januar 2012
Ich fühl’ mich Sommer
Die Frühjahrs-Romane setzen auf Heimat- und Familienidyllen.
Der längliche Titel von Thomas von Steinaeckers neuem Roman "Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen und anfing zu träumen" verspricht nicht zu viel: Die deutsche Literatur reagiert ziemlich entspannt auf die apokalyptischen Prophezeiungen des Maya-Kalenders. Utz Claasen, Ex-EnBW-Manager mit literarischen Ambitionen, legt zwar seinen ersten Krimi mit dem drohenden Titel "Atomblut" vor; von Stephen King kommt ein 1000-Seiten-Horrorroman über das Kennedy-Attentat ("Der Anschlag"), von dem Ungar Peter Nádas gar ein 1723-Seiten-Opus über das Jahrhundert der Katastrophen ("Parallelgeschichten"). Viele deutsche Autoren bevorzugen überschaubare Räume, leise Töne und besonnte Idyllen. Frank Goosen erinnert sich an ein schönes "Sommerfest" in der Provinz, Lisa-Maria Seydlitz nimmt in ihrem Familienroman "Sommertöchter" "ihre Leser mit in einen Sommer, in dem man traurig sein darf und Trost erhält", und auch Benjamin Lebert fährt in "Im Winter dein Herz" schaurig traurig Richtung Süden. Wo skandinavische Autoren nur "Dunkelheit am Ende des Tunnels" sehen, haben ihre deutschen Kollegen offenbar genug von Kälte, Depression und Schwarzmalerei. Der Titel eines Piper-Taschenbuchs "Ich fühl’ mich Sommer" ist Programm: Herzerwärmende Selbst- und Generationenporträts, Kindheits- und Familienromane haben Konjunktur.
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Nach dem Buchpreisträger Eugen Ruge entdecken jetzt auch andere Kinder aus ostdeutschen Akademikerclans ihre Geschichte: Judka Strittmatter, Enkelin der DDR-Legende Erwin Strittmatter, hat mit "Die Schwestern" eine bittere Abrechnung geschrieben, Marion Brasch ("Ab jetzt ist Ruhe"), Schwester des Schriftstellers Thomas Brasch, eine Hymne auf ihre "fabelhafte Familie". Die Schweizerin Michèle Minelli legt eine große europäische Familiensaga ("Die Ruhelosen") vor, Patrick Roth beschreibt in seinem "Sunrise" sogar die Heilige Familie aus der Perspektive des Vaters. Andreas Martin Widmann debütiert mit einem tragikomischen Coming-of-Age-Roman ("Die Glücksparade"), die märchenhafte Felicitas Hoppe schreibt ihre Traumautobiografie "Hoppe". "Onno Viets und der Irre vom Kiez", Frank Schulz’ erster Krimi, wird vermutlich lustiger als die beiden Romane mit Freiburg-Bezug: Der Biologe Matthias Nawrat porträtiert in "Wir zwei allein" einen Freiburger Gemüseausfahrer aus der "Generation der Unentschlossenen", Annette Pehnt erzählt in ihrer "Chronik der Nähe" Irrungen und Wirrungen von drei Frauengenerationen.
Der Österreicher Franzobel macht mit "Was Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind" neugierig. Mit mehr Spannung aber werden andere Neuerscheinungen erwartet: Etwa Rainald Goetz’ erster Roman "Johann Holtrop" über Aufstieg und Fall eines Tycoons, Christian Krachts exotischer Aussteigerroman "Imperium", Anna Katherina Hahns neues Buch über die Spielarten der Liebe in Stuttgart ("Am schwarzen Berg") oder Franziska Gerstenbergs Romandebüt über Sex und Dating im Internet ("Spiel mit ihr"). Ältere Autoren wie Sten Nadolny ("Weitlings Sommerfrische") und Ernst Augustin ("Robinsons blaues Haus") begeben sich auf autobiografische Zeitreisen; Eckhard Henscheid eifert mit seinen "Denkwürdigkeiten" sogar Bismarck nach. Büchnerpreisträger Walter Kappacher fährt nach Amerika, ins "Land der roten Steine"; Friedrich Christian Delius erinnert sich an die guten alten Zeiten, "Als die Bücher noch geholfen haben", und auch Bernd Cailloux zieht es in "Gutgeschriebene Verluste" ins Schicksalsjahr 1968 zurück.
Mehr Skandalpotenzial haben wieder mal die Romane angelsächsischer Autoren. Martin Amis, das Enfant terrible der englischen Literatur, verhöhnt in "Die schwarze Witwe" die sexuelle Revolution der Siebziger, Nicholson Baker führt in seinem "Haus der Löcher" durch ein magisches Theater der Pornografie. Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson macht sich in seiner 9/11-Farce "72 Jungfrauen" über islamistische Selbstmordattentäter lustig, und die amerikanische Jugendbuchautorin A.M.Holmes schlüpft in ihrem umstrittenen Roman "Das Ende von Alice" in das Hirn eines pädophilen Monsters. Der 19-jährige Ben Brooks, die englische Antwort auf Helene Hegemann, legt mit "Nachts werden wir erwachsen" bereits seinen vierten Roman über Sex- und Drogenexzesse vor.
Ruhiger und poetischer dürfte es bei Altmeistern wie John Banville ("Unendlichkeiten") und John Burnside ("In hellen Sommernächten") zugehen. Javiar Marias wartet mit einem neuen Liebesroman ("Die sterblich Verliebten"), T.C. Boyle mit einer neuen Natur- und Umwelt-Apokalypse ("Wenn das Schlachten vorbei ist") auf. Zeruya Shalev entdeckt in "Für den Rest des Lebens" die Familie als Schutzraum; für die Pulitzerpreisträgerin Jennifer Egan ist Baseball "Der größere Teil der Welt". Paul Auster erzählt in "Sunset Park" von den Anfängen der Wirtschaftskrise, und Padgett Powell stellt in seinem von Harry Rowohlt übersetzten "Roman der Fragen" Fragen über Fragen.
Autor: Martin Halter
