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12. Januar 2012
Im Würgegriff der Wirklichkeit
Der Schriftsteller Wilhelm Genazino stellte im Literaturhaus in Basel seinen neuesten Roman vor.
Keiner schreibt so ungeschönt, klug und witzig über die Mühen des Daseins, über Menschen, die mit dem Alltagsleben nicht zu Rande kommen. Und keiner redet so ironisch über Spießertum und Kleinbürger: Der Schriftsteller Wilhelm Genazino ist ein scharfsichtiger Beobachter, der mit sprachlicher Brillanz, Witz und "einer schönen Portion Bösartigkeit" die gar nicht glamouröse Alltagswelt betrachtet. So stellte Intendantin Katrin Eckert den Autor aus Frankfurt im Literaturhaus Basel vor, wo Genazino aus seinem neuesten Roman "Wenn wir Tiere wären" las und im Gespräch mit Literaturredakteur Felix Schneider einiges über seine Romanfiguren und den "Irrsinn des Alltags" verriet.
Held – oder besser Antiheld – von Genazinos aktuellem Buch ist ein namenloser Architekt "in den besten Mannesjahren", der sich vom Leben überfordert fühlt, fremdbestimmt und leer. Ein gebildeter Mittelstandsmensch, der viel zu viel im Kopf hat. Ein melancholischer Grübler, der sich aus dem "Würgegriff der Wirklichkeit" befreien will. Unruhig flaniert er durch die Stadt, sieht sich den Ereignissen, dem Kinderwunsch seiner Geliebten, der Arbeit im Büro, der Ex-Frau, die ihn anpumpt, schutzlos ausgeliefert. Genazino nennt ihn einen "Soldaten der Wirklichkeit, der aufnimmt, was sich ereignet".
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Detailgenau, mit analytischer Schärfe, wie unter dem Brennglas, beleuchtet der Büchner- und Kleist-Preisträger die Außenwelt und Innenwelt seiner Hauptfigur, die öde Normalität und Mittelmäßigkeit einer bürgerlichen Existenz. Im Thema ist sich der Autor treu geblieben, denn wieder ist die Hauptfigur ein Mann mittleren Alters, dessen Leben ins Stottern und Stolpern gerät. Der namenlose Ich-Erzähler spürt Lust auf Stille, Untätigkeit und Passivität, wird zum Urlaubs- und Konsumverweigerer, leidet unter Erlebnisüberdrüssigkeit. Unaufhörlich dreht sich in seinem Kopf ein Karussell trauriger Gedanken: Wer soll ihn einmal pflegen, ihm im Alltag helfen? Wer würde seine Todesanzeige aufgeben, wer seine Wohnung auflösen? Lebensängste und Einsamkeit, Furcht vor Arbeitslosigkeit, Sorgen um das Altwerden – Genazinos Protagonist kommt in der Konsum- und Leistungsgesellschaft ins Trudeln. Ihn plagen Ängste, die viele Menschen kennen. "Es sind Probleme, die aus dem Kopf kommen, aus unseren Einbildungen, Ängste, die uns alle plagen", beschreibt es der bald 69-jährige Autor.
Genazinos Weltsicht sei eigentlich pessimistisch, aber das Buch sei lustig und originell und eine "glänzende Anleitung zur Beobachtung des Alltags", meinte Moderator Schneider: "Man fühlt sich ständig ertappt, aber nie entlarvt". Der preisgekrönte Meister der Sprache erwies sich auch im Gespräch als humorvoller, scharfsinniger Gesellschaftskritiker. Gestenreich und mit einem ironischen Funkeln in den Augen liest und redet er über "pseudolustige und enthemmte Spießer" im Urlaub, über Leute, die unentwegt Klamotten kaufen.
Er hat, gibt Genazino zu, "ein ethnologisches Interesse am Spießertum". Richtig echauffieren kann er sich über gut verdienende Paare, deren Hauptsorge es ist, Parkplätze für ihre beiden Autos zu finden. Mit präzise geschärftem Blick beobachtet der Autor aber nicht nur den modernen Stadtbewohner, sondern auch Tiere, zum Beispiel eine Amsel – die er in seinem Buch genau beschreibt. Der Titel "Wenn wir Tiere wären" drückt schon so etwas wie Sehnsucht aus. Denn wenn sie Tiere wären, hätten die Menschen zwei Dinge nicht: den Glückszwang und den Grübel- und Denkzwang.
Autor: ros
