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17. Januar 2012

Imitation des Trivialen

"Lisas Liebe" in der Reihe "Wintergäste" im Burghof.

Puppen sind künstliche Menschen, Automaten, Projektionsflächen. Das Leben von Puppen ist immer fremd gesteuert und meistens öde. Haben die Puppen Seelen, brennen die oft. Auch die Frauenfiguren bei Marlene Streeruwitz sind oft Puppen oder werden dazu gemacht, ihre Seelen brennen meist sehr. Im Roman "Lisas Liebe" der österreichischen Autorin ist es die Seele von Lisa Liebich, die zunächst gar nichts spürt von sich, nach und nach aber immer mehr Macht bekommt über das Leben der Lehrerin. Am Sonntag las in der diesjährigen Wintergäste-Reihe "Von Puppenmenschen" die Basler Schauspielerin Chantal Le Moign im Lörracher Burghof aus "Lisas Liebe".

Lisa Liebich, 39 Jahre alt, alleinstehend, mit gelegentlichen Affären, die ihr eher zustoßen als dass sie sie sucht, verliebt sich in einen Arzt. Sie gesteht ihm brieflich ihre Liebe. Während der Sommerfrische wartet sie auf eine Antwort, rekapituliert ihr Leben, versucht, sich mit erneuten Affären zu retten – bis langsam und endlich die wahre Rettung kommt: Nachdem der Sex als vermeintlich unausweichlicher Glückfaktor in ihrem Leben sich endgültig als Irrtum herausgestellt hat ("Lisa machte es nicht mehr"), erlernt sie zunächst in einem Lehrgang für Anfänger das literarische Schreiben und die Kursleiter sind sich einig: Hier liegt eine Begabung vor, die gefördert werden muss. Lisa schreibt also weiter und ihr Wunsch nach Leben findet einen Kanal – und gipfelt schließlich in einer Reise nach New York, von wo aus Lisa nicht mehr ins enge Österreich zurückkehren wird.

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Ein Layout wie bei einem Groschenroman

Als der "literarische Groschenroman in drei Teilen" im Jahr 1997 erschienen ist, war die Imitation der trivialen Unterhaltungsgenres zwar nicht mehr neu in der gehobenen Kunst. Dennoch erregte das bei Suhrkamp erschienene Buch, das zwischen Tagebuch- und Fotoroman anzusiedeln ist und tatsächlich wie ein Groschenroman layoutet war, Aufsehen: Die Parodie des Billig-Genres, die einfache Sprache, die Verwendung der Fotos im Buch, und schließlich Streeruwitz´ Fähigkeit, eine eigene Poetik des Banalen zu entwerfen, rüttelten auf.

Die Lörracher Regisseurin Marion Schmidt-Kumke nun stellt die pathosfreie Direktheit des Buchs ins Zentrum der von ihr eingerichteten szenischen Lesung im Burghof. Dass Lisas Leben schrecklich banal ist, unterstreicht die Regisseurin mit großen Kalenderblättern, die Chantal Le Moign mit lustvollen Würfen nach Beendigung eines jeden Kapitels in die Luft wirft. Die darauf festgehaltenen Daten stimmen nicht mit der Chronologie im Roman überein, was die Belanglosigkeit der zeitlichen Einordnung von Lisas Lebensschritten doppelt deutlich macht. Auch Streeruwitz´ rohe Sprache weiß Schmidt-Kumke einzusetzen: Chantal Le Moign liest die Texte ohne jede Sentimentalität. Dass der Weg zur Reinigung von Leben und Sex ohne Sinn mit den Mitteln des Groschenromans der richtige ist, daran lässt die Vortragende keinen Zweifel.

Auch gibt sie in ihrem Spiel die Lösung vor, nach der die Spannung im aufs Banale reduzierten Text verlangt. Schauspielerin und Regisseurin verorten diese ebenso wie die Autorin im Witz und provozieren damit eine wiederum banale Forderung an den Rezipienten. Dieser nämlich muss lachen können ob des doppelten Spiegels, der ihm vorgehalten wird und also die Banalität des Lebens über den Umweg der geistigen Auseinandersetzung zurück in die Hände des klischeehaften Denkens legt. Kann der Zuschauer nicht lachen, wird er zum Ausgelachten, weil er ernst nimmt, was Streeruwitz unernst meint. Vom Lachen aber war wenig zu hören an diesem stillen Sonntagmorgen im Lörracher Burghof.

Autor: Claudia Gabler