15. Mai 2009 18:05 Uhr
Schriftsteller vor der Europawahl
Leben in Zwei Europas
Was europäische Schriftsteller über den Kontinent denken. Am Anfang unserer Textreihe äußert sich der in Berlin lebende Ungar György Dalos.
n der Sendung "Europa heute" des Deutschlandfunks skizzieren im Vorfeld der Europawahl in einer "Mein Europa" betitelten Textreihe Autoren ihr Europabild. Bei uns lesen Sie eine Auswahl der Texte. Wir beginnen mit György Dalos. Dalos, gebürtiger Ungar, lebt als freier Schriftsteller in Berlin . In seinen literischen und publizistischen Arbeiten setzt er sich kritisch, oft auch satirisch mit ungarischer Geschichte auseinander.
I
In der Frühphase der Wende, deren Euphorie Ungarn ein Jahr früher als die anderen Ostblockländer erreicht hatte, bot die Dynamik der Ereignisse eine völlig neue, elektrisierende Perspektive: die Integration des Landes in die damalige Europäische Gemeinschaft. Statt der Gorbatschow’schen Formel des "gemeinsamen europäischen Hauses" machte in Ungarn eine andere Metapher die Runde: Es hieß, das Land müsse "auf den europäischen Zug aufspringen". Damit betonte man die Dringlichkeit des Beitritts, ohne eine Ahnung von deren konkretem Ablauf zu haben, und erwartete von der Übernahme der westlichen Normen von Politik und Moral einen durchschlagenden und schnellen Aufstieg. So erreichte die Erwähnung Europas in den Medien ein Ausmaß, das den Autor Péter Esterházy auf eine Idee brachte: Jeder, der das Wort "Europa" in den Mund nehme, solle automatisch einen Forint in die Staatskasse einzahlen (was angesichts des Schuldenberges und der beginnenden Rezession keine wirkliche Sanierung ergeben hätte).
Auf die Euphorie folgte dann der Katzenjammer eines marktwirtschaftlichen Alltags und allein das Klopfen am Tor der EU dauerte dreizehn Jahre lang an. Meine literarische und persönliche Laufbahn brachte mit sich, dass ich diese Wartezeit mehrheitlich in dem sozusagen, "westlichen Ausland", zuerst in Wien und dann in Berlin, verbracht hatte. Mitte der neunziger Jahre erwarb ich sogar eine österreichische Staatsbürgerschaft, ohne auf meinen ungarischen Reisepass verzichten zu müssen. Im Besitz dieses mich beehrenden Dokuments konnte ich behaupten, dass ich nun mit dem einen Bein in der Europäischen Union stand, während das andere auf dem Boden des ehemaligen Ostblocks stecken blieb. Durch diese Verdoppelung meines Standortes erlebte ich die Kluft zwischen den beiden Teilen des Kontinents besonders intensiv. Während zwischen den Weststaaten die Grenz- und Zollbeamten schön langsam zur Untätigkeit verurteilt wurden, entstanden im Osten seit 1989 ungefähr 40 neue Staatsgrenzen. Zur Zeit des Eurotriumphes wurden mehr als 20 neue nationale Währungen, von der estnischen bis zur slowakischen Krone, eingeführt, und während die Nato, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen, die Straffung und Vereinheitlichung ihrer Verteidigungssysteme betrieb, wurden in Europas Osten neue nationale Armeen gegründet. Dazu gehörten selbstverständlich Fahnen, Wappen, Uniformen, historische Mythen und scheinbar frisch gebackene, im Grunde aber uralte Nationalismen, welche die Atmosphäre der jungen Demokratie allerorten mit Vergiftung bedroht hatten.
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Erst allmählich ist mir bewusst geworden, dass ich gleichzeitig in zwei Europas lebe, woraus beinahe zwanghaft die Frage entstand: Welches von den beiden sollte ich als meinen Kontinent betrachten? Die westliche Hälfte mit ihren wohlfunktionierenden Institutionen, eingeübten Toleranzritualen, zahlungsfähigen Krankenkassen und verlockenden Sonderangeboten? Oder die Länder des ehemaligen sozialistischen Lagers mit ihren kaputten Bahnhöfen, baufälligen Wohnsiedlungen im Schatten der neu errichteten Geldpaläste, mit ihrer gleichsam wachsenden horrenden Armut und protzigem Reichtum, mit ihrer frustrierten Hasskultur, aggressiver Medienfreiheit und zunächst tollpatschigen Versuchen der Selbstfindung in der neuen, schönen Welt? Bereits damals, in den wildkapitalistischen neunziger Jahren, war es klar, dass diese chaotischen Neubildungen ihre Zukunft keineswegs außerhalb des ganzen Kontinents denken können und jede Alternative zur EU, wie dies das jugoslawische Beispiel zeigte, in Krieg, Diktatur und Barbarei führt. Als vor fünf Jahren zu Ehren des bevorstehenden EU-Beitritts eine Pontonbrücke namens Europa über die Donau gebaut wurde, hoffte ich darauf, dass mit dem Abschluss der formellen Integration Ungarn eindeutig zu der erfolgreicheren Hälfte unseres Erdteils gehören wird und dass dieser Fortschritt mit einer besseren Qualität unseres Lebens und Lebensgefühls einhergeht. Leider erwies sich mein Optimismus von damals als zumindest verfrüht. Unser Land lebt heute in einem inneren Zwist, hat mehr Ängste als Hoffnungen und wird in letzter Zeit auch noch von den Folgen der Weltwirtschaftskrise heimgesucht. Es ist ein schwacher Trost, dass es – je östlicher, desto mehr – Staaten gibt, in denen die reale Lage und die entsprechende Stimmung noch schlechter ist. Jedenfalls bedeutet dies, dass ich nach wie vor zwei Europas in mir trage: eines, wie es ist, und ein anderes, wie es sein sollte, und, wenn wir Glück haben, auch sein wird.
– Sendung "Europa heute" im Deutschlandfunk, täglich außer sonn- und feiertags um 9.10 Uhr. Die Reihe "Mein Europa": 18. Mai bis 5. Juni. György Dalos’ Beitrag wird am 3. Juni ausgestrahlt.
Autor: György Dalos





