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24. Januar 2012

Nachdenken – Chance und Gefahr in einem

"Von Puppenmenschen" in der Reihe Wintergäste im Burghof.

Ein Jahr bevor sich Heinrich von Kleist im Jahr 1811 das Leben nahm, schrieb er den Essay "Über das Marionettentheater". Ein kurzer Text, der in der Literaturwissenschaft kontrovers diskutiert und gleichzeitig als Schlüssel zu seinem Gesamtwerk gesehen wird. Mehr erzählend denn essayistisch gibt Kleist darin einen Dialog zwischen dem Erzähler und einem Tänzer der Oper wider. Es geht dabei um die menschliche Unvollkommenheit, die bei Kleist als Mangel an Anmut und Grazie behandelt wird. Der Text geht davon aus, dass der Grund für diesen Mangel in der Fähigkeit zur Reflexion liegt.

Einfach gesprochen formuliert der ob seines modernen Schreibens zu Lebzeiten verkannte Autor damit die These, dass es nur so lange Anmut gibt, so lange das von Leben beseelte Wesen nicht vom Geist gesteuert ist. Die Marionette wird hier zum Gegenbild aller "Ziererei", die immer dort erscheint, wo sich "die Seele in irgendeinem anderen Punkte befindet als in dem Schwerpunkt der Bewegung" und somit "die natürliche Grazie des Menschen" zerstört. Die Kleistsche Marionette hat dabei wenig gemein mit ihrem konkreten Vorbild von der Puppenbühne, sie wird vielmehr zusehends zur mythischen, nicht ganz widerspruchsfreien Formel eines von keiner Reflexion verdorbenen Lebens vor dem "Sündenfall".

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Die Frauen als Additionen von Eigenschaften

Auch Kleists Zeitgenosse E.T.A. Hoffmann hat sich mit Puppen beschäftigt. In einer seiner bekanntesten Erzählungen "Der Sandmann" macht er sowohl die Puppe, die ohne Verantwortung von ihren Erfindern eingesetzt wird, zum Thema als auch die Frauen seiner Zeit, die gesellschaftlich wenig zu melden hatten. Seine Figur Olimpia ist "starr und seelenlos", ihr Blick "ohne Sehkraft", wie Sigmund feststellt. Die Frauen werden aus der Sicht des Schriftstellers nicht als Persönlichkeiten wahrgenommen, sondern rein als Addition von Eigenschaften, die von den Männern einzeln ausgewählt und für gut oder schlecht befunden werden. Um sicherzugehen, dass sie nicht auf seelenlose und auf Perfektion trainierte Roboter wie Olimpia hereinfallen, fordern bei Hoffmann die Männer von ihren Angebeteten beim ersten Rendezvous, die Echtheit ihrer Seele unter Beweis zu stellen: Sie müssen auf Anfrage schief singen, außerhalb des Takts tanzen und tiefsinnige Konversation führen.

Eine Zeit, zwei Texte. Der eine bringt die Fähigkeit zum bewussten Nachdenken an als Chance auf ein fortschrittliches Frauenbild, der andere als Gefahr für die reine Schönheit von Körper und Leben. Die Regisseurin Eva Tschui-Henlová konfrontierte die beiden Texte miteinander, am Sonntag stellte sie das Ergebnis in einer szenischen Lesung der Veranstaltungsreihe "Wintergäste" im Lörracher Burghof vor, die sich in diesem Jahr Puppenmenschen zum Thema macht.

Der Kleistsche Essay der Lesung nun kann als Prolog zum Sandmann-Auszug gesehen werden, der das Feld freilegt, auf dem die Freiheit des Geistes sowohl als Segen als auch als Fluch diskutiert werden darf. Dass die Gedanken zum Thema nur im Austausch von Mensch zu Mensch möglich und fruchtbar sind, zeigt dabei nicht nur die – für einen Essay ungewöhnliche – dialogische Struktur des Kleist-Texts. Sondern auch und vor allem der Vortrag der Sandmann-Auszüge: Die beiden Ensemblemitglieder des Theater Basel,Vincent Leittersdorf und Lorenz Nufer, lesen nicht nur die Gespräche im Dialog, sondern teilen sich auch ein und den selben Gedanken von Hoffmann brüderlich, wenn sie sich im punktgenauen Vortrag in die dunkle Welt von Schwarzer Romantik und Verrücktheit begeben. Größe und Gefahr vom Geist – ein immer gültiges Thema .

Autor: Claudia Gabler