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01. September 2010
Schöne Wohnung. 2,45 Quadratmeter
Wettbewerb des "14Magazins" und der Badischen Zeitung – Die Sieger (II) : 2. Platz für "Bildliches Portrait einer Idee von mir".
Das 2009 von Freiburger Studierenden gegründete "14Magazin" hat gemeinsam mit der Badischen Zeitung einen Wettbewerb ausgeschrieben. Das Besondere der Aufgabe bestand darin, einen Prosatext zu drei vorgegebenen Illustrationen zu schreiben. Aus 160 Einsendungen wählte eine dreiköpfige Jury, der auch BZ-Redakteurin Bettina Schulte angehörte, die drei besten Texte aus. Wir drucken sie in einer Miniserie ab – und präsentieren heute den zweiten Platz: "Bildliches Portrait einer Idee von mir" von Christian Franke.
BILDLICHES PORTRAIT EINER IDEE VON MIRHeute Nacht habe ich geträumt, ich bin ein Schmetterling. Woher weiß ich jetzt, dass ich es bin, der geträumt hat, ein Schmetterling zu sein, oder ob ich ein Schmetterling bin, der jetzt träumt, ein surrealistischer sans-abri zu sein? Dschuangdse, modifiziert.
"Der Erfolg ihrer Bemühungen wieder auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, hängt allein davon ab, wie Sie selbst sich präsentieren. Daran sollten Sie immer denken! Haben Sie das verstanden?"
Die Frau, die mir das zu verstehen geben möchte, hat keine Augen, nur einen Mund. Mehr braucht sie nicht, um mit mir zu reden. Ihre rechte Hand schreibt unentwegt. Die Frau ist meine Fallmanagerin. Sie redet wie ein Wasserfall. Sie hilft mir, richtig zu fallen. Sie managt mich als K.O.-Fall. Knock-out in der neunten Runde. Oder Anfang der zehnten. Wer weiß, wen interessiert es? Ob ich sie verstanden habe…
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Ich bin auch nur ein Mensch und personalisiere mein Unbehagen hin und wieder ungerechtfertigt. Ein Freund sagte einmal, dass es wohl besser sei, obdachlos zu sein als obachtlos. Das Anagramm ist nur lautlich eines, aber gerade diese oberflächliche Hintersinnigkeit gefiel mir immer daran. Gefällt mir noch immer, obwohl oder gerade, weil es ein für mich zutreffendes Bild enthält; wie ich mir einbilde.
Ich lebe parterre. Schöne Wohnung. Fußbodenheizung. Schön geschnitten. 2,45 Quadratmeter. Ich wohne im Zebrastreifen, zweiter Streifen von links. Für Sachverständige: Ich wohne in einer niveaulosen Fußgängerüberführung. Ein Schuft, wer böses denkt. Alles ganz modern; ohne Fenster und Türen. Der Minimalismus ist längst nicht tot, sondern überlebt in der Notwendigkeit der Gesellschaft zum Euphemismus. Gute Verkehrsanbindung. Mobil bin ich. Trotzdem habe ich ein gutes Verhältnis zu meinen Nachbarn. Einer war Kapitän auf einem Schiff. Wir haben auf dem Flachdach einen Grill; dort trifft sich die Nachbarschaft manchmal. Die Sicht ist gut und die Tauben fliegen von Dach zu Dach.
An den Bäumen in meinem Garten wachsen kleine Käfige, die im Sommer größer und größer werden. Die Vögel darin zwitschern, werden von Tag zu Tag ungeduldiger. Irgendwann fallen die Käfige, groß und schwer, zu Boden. Dort zerbrechen sie, die Vögel öffnen ihre Flügel und fliegen davon. Pathetisch in den Himmel oder ins Unterholz. Wo sie sterben, wächst ein neuer Baum.
In meinem Garten wachsen auch Blumen, die den Schmetterlingen gefallen wollen. Aber die Schmetterlinge wissen das und lehnen sich dagegen auf. Auf meinem Wäscheständer sitzen die Schmetterlinge, weswegen es mir unmöglich ist, meine Wäsche zu waschen und auf einem aktuell funktionstüchtigen Wäscheständer zu trocken. So gehört es sich doch. Eines Tages saßen nun wunderbunte Schmetterlinge auf den Wäscheleinen. Ich wollte sie vertreiben, aber sie blieben einfach sitzen, ihre Flügel gemächlich öffnend und schließend. Morphofalter, Caligofalter, Bläuling, Brombeerzipfelfalter, Buchenspinner und sogar Schwalbenschwänze. Die haben Sie auch schon mal gesehen. Ich ließ sie sitzen, denn zu harten Maßnahmen wollte ich nicht greifen. Ich bin ein friedfertiger Mensch. Das wird mir des Öfteren zum Verhängnis.
Mein Bart ist ein Wasserfall aus Tränen. Gefrorene Tränen des Glücks, die ich festzuhalten vermag, wenn ich will. Mein Bart kann auch eine Regenrinne sein. Kanalisierter Ausdruck von Verzweiflung und Schmerz. Abgeschnitten und dadurch verständlich. Aber das Äußere soll nicht das Entscheidende sein, solange es nicht aus der Reihe tanzt. Das Äußere sowie das Innere. Vielleicht hängt es doch zusammen und das Äußere soll das Entscheidende sein?! Ich verstehe davon nichts. Der Mensch ist ein komisches Haus, eigentlich ein krummer Ast aus störrischen Holz, der kleine Mann aus Königsberg hatte schon recht. Ich zöge meinen Hut vor ihm und bin trotzdem noch größer. Ich war mal ein Kantholz, ein wenig genormt, aber nun zeigt sich wieder das Ungehobelte.
Früher baute ich Häuser. Luftschlösser. Bis in den Himmel. Wolkenkratzer. Das ist mir zu Kopf gestiegen, weil ich immer wieder herunterklettern musste. Hoch und runter. Das Leben ist keine Achterbahn. Man muss schon selber laufen. Hoch und runter. Ich bin viel gelaufen, habe viele laufen lassen. Ich habe viel gezeichnet, entworfen und bauen lassen. Nur hatten meine Entwürfe Farbe. So und so. Frank O. Gehry ist ein guter Freund. Wirklich, in der Bushaltestelle, die er entworfen hat, steige ich am liebsten ab, wenn ich unterwegs bin.
Ein Haus mit nur einem Fenster, nur einer Tür, kann auch nur von einem Menschen bewohnt werden, der ein Auge hat, ein Bein. Ein Arm, ein Ohr. So ist doch niemand. Ich bin nicht aus Pappe, aber mein Lieblingsstuhl. Wie gesagt, Frank O. Gehry ist ein Freund. Er wollte mir einmal den Wiggle Side Chair schenken, aber ich habe dankend abgelehnt, weil ich an meinem Minimalismus festhalten wollte. Ich besitze keinen Stuhl, keine Tür, auch kein Fenster. Deshalb habe ich trotzdem zwei Arme, zwei Hände. Das ist nicht unlogisch. Ich besitze mich. Und das ist mehr, als die meisten von sich behaupten können, wie ich glaube.
Ich hoffe, dass Sie nun einen ersten positiven Eindruck von mir erhalten haben, der doch leider nicht mit Bleistift skizziert wurde und daher nicht mehr radiererrevidierbar ist. Ein Kugelschreiber ist als Ausdruck der Ewigkeit ein Werk Gottes. Falls Sie darüber hinaus noch Fragen haben, können wir uns gerne im Cafe de Flore treffen. Dort frühstücke ich für gewöhnlich neben den Tischen auf dem Gehweg. Der Geist Guillaume Apollinaire bedient mich. Er hat das Kellnern in der Hölle gelernt. Ich weiß weder, ob er es ernst meint noch, ob ich ihm glauben soll. Sie müssen ihn selbst einmal kennen lernen. Wie wäre es nächste Woche Mittwoch.
"Damit können Sie zumindest arbeiten. Da ist doch schon Potential vorhanden! Achten Sie aber auf solide Glaubwürdigkeit. Arbeitnehmer mögen keine übertriebenen Falschaussagen und durchschauen zumeist auch das damit Bezweckte. Aber, Potential, wie gesagt, ist da doch!"
Nehmen Sie das nicht so Ernst, Max! Wissen Sie eigentlich, dass das Bild hinter ihrem Gummibaum von Salvador Dali ist? Ja, die Zeit verrinnt, dieses eine kennen alle. Der Gummibaum ist perzeptuell wie semantisch surrealistischer.
"Auf Wiedersehen."
Manchmal drückt tatsächlich mal einer ein Auge zu, wenn bei einem anderen der Schuh trügt. Ohne ein geradezu niedlich angestrengtes Wortspiel geht es aber nicht. Danke für die Blumen.
Aber leider hat die Frau von der Arbeitsagentur ja keine Augen, kann also keines zudrücken. Ihren Mund schließt sie nicht, schon deshalb nicht, weil sie dann nicht lächeln könnte. Nie kann sie lächeln. Das ist Voraussetzung für den Job.
Die Bauten der Arbeitsagentur sollen hell und freundlich konzipiert sein. Die Fronten aus Glas, potentiell lichtdurchflutet. Trotzdem brennen überall die Schreibtischlampen und die Neonröhren im Flur. Vielleicht regnet es aber auch nur saure Gurken. Ein Kindergeburtstag, mehr ist es nicht. Abends gehen alle wieder nach Hause, ob sie nun gute Laune und Hausschuhe mitgebracht hatten oder nicht. Ich lade dich nur ein, wenn du mich auch einlädst. Also bleiben wir wohl alle zu Hause. Das nennt man wahrscheinlich Gesellschaft. Ich habe aber auch schon anderes gehört. Ein Schuft, wer böses denkt. Manchmal drückt tatsächlich mal einer ein Auge zu. Dann sieht er auf dem einen schwarz und auf dem anderen…weiß, vielleicht.
Den schwarzen Gang gehe ich entlang. Die Fensterscheiben der Arbeitsagentur sind beschmiert. Warum fällt mir das auf, wenn ich das Haus verlasse. Mein Geist spielt mir einen Streich, denke ich. Schwarz und weiß. Pfeffer und Salz, in der Suppe, bekommt man hier nicht. Mir schweben zwei Bilder vor Augen. Hoffentlich werde ich selbst nicht zu einem, das wäre unheimlich. Surrealistisch unheimlich, zu realistisch.
14MAGAZIN
Felix Dachsel und Christina Schmidt, Studierende der -Universität Freiburg, haben 2009 ein Magazin für Freiburg gegründet, das vor allem junge Leute ansprechen soll. Im Juni ist die zweite Ausgabe der von Morten Freidel und Sarah Kern herausgegebenen Zeitschrift in einer Auflage von 3000 Exemplaren herausgekommen. Den Schwerpunkt des ambitioniert gestalteten Magazins, dessen Druckkosten bei einem Verkaufspreis von 1,50 Euro weitgehend durch Anzeigen gedeckt werden, bilden Porträts, Interviews und literarische Texte.
Autor: BZ
Autor: xfng


