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07. Februar 2012
Stilisierte Wirklichkeiten
Lesung mit Kampusch-Texten im Burghof in Lörrach.
Natascha Kampusch war eine Marionette, acht Jahre lang. Wahrscheinlich wird die Österreicherin, die als Zehnjährige von Wolfgang Priklopil verschleppt wurde, ihr Leben lang eine Marionette bleiben. Fremdbestimmt von ihrem Peiniger, der sie während ihrer Pubertät in einem Verließ gefangen hielt und misshandelte. Der nicht nur bestimmte, wann und was sie essen durfte. Nein, der arbeitslose Nachrichtentechniker nutzte seine Macht auch, um im Kopf von Natascha Kampusch zum positiven Helden zu werden. Für die Süßigkeiten, die er ihr gab, und die Skiausflüge, die er mit ihr machte, war sie ihm dankbar, Priklopil wurde zur einzigen Bezugsperson des Mädchens.
"Nichts ist nur schwarz und nur weiß", schreibt Kampusch in ihrer Autobiografie "3096 Tage" und folgt damit der klassischen Verteidigungslogik des Opfers, das eine emotionale Bindung zu seinem Unterdrücker hat. Dass die junge Österreicherin nicht nur Schlechtes zu schreiben weiß vom Mann, der sie über Jahre demütigte, entspricht dem Denken eines Kindes, das seine gewalttätigen Eltern verteidigt. Dass das Kind Kampusch eine solche Vater-Tochter-Beziehung zu Priklopil aufbaute, ist wenig erstaunlich. Erstaunlich aber ist, dass solche Bekenntnisse, die Natascha Kampusch in ihrem 2010 erschienenen Buch machte, für Verwunderung sorgten. Erstaunlich ist auch, mit welcher Absolutheit diese Aussagen medial rezipiert wurden. Weniger erstaunlich allerdings ist, dass Kampusch sie überhaupt gemacht hat: Die junge Frau, die mit 18 Jahren ohne Abschluss und Ausbildung da stand, suchte Möglichkeiten, sich zu therapieren und zu existieren.
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Kurzum: Mit ihrer Autobiografie und der um sie inszenierten PR hat Natascha Kampusch viel gewonnen an öffentlicher Aufmerksamkeit und finanzieller Absicherung. Doch eines hat sie damit sicher nicht erreicht – die Möglichkeit ein neues, ein einigermaßen normales Leben zu beginnen. Ob die heute prominente Österreicherin nun als Marionette von einem voyeuristischen Medienmarkt oder von Wolfgang Priklopil zu sehen ist, muss diskutiert werden – zweifelsfrei fest steht jedoch, dass sie eine Marionette ist. Und deshalb hat sie mit Recht einen Platz gefunden in der Wintergäste-Reihe "Von Puppenmenschen" des Lörracher Burghofs und der Baselbieter Kulturabteilung.
Die szenische Lesung aus Kampuschs Buch in der Regie von Marion Schmidt-Kumke bildete den Abschluss der Veranstaltungsreihe und offenbarte erschreckende Details aus der unfassbaren Geschichte der jungen Frau. Dass in der Publikation des Ullstein-Verlags neben Kampusch zwei Co-Autoren mitgewirkt haben, zeigt der Text schnell. Unmöglich, dass die teils glasklare, teils stark prosaische Analyse allein aus der Feder der Zwanzigjährigen stammt. Dieser distanzierte Ton des Buchs ist es auch, der die szenische Inszenierung des nach Authentizität strebenden Buchs schwer macht. Die Basler Schauspielerin Marie Jung liest die Texte mit begeisternder Verve. Damit stilisiert sie Kampusch zu einer Kunstfigur und distanziert sich weiter vom ohnehin stilisierten Inhalt des Buchs – der einzige Weg vielleicht, um endlich von der Idee loszukommen, wirklich etwas Wahres zu erfahren über Natascha Kampusch und ihre Geschichte.
Autor: Claudia Gabler
