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31. August 2010

Tief ausatmen, denkt sie, immer schön ausatmen

Geschichten zu Bildern erfinden: Ein Wettbewerb des Freiburger "14Magazins" und der Badischen Zeitung – Die Sieger (I) : 3. Platz für "Der Tunnel".

  1. Foto: -

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  3. - Foto: Privat

  4. Ein alter Mann, der Eingang in einen Tunnel, eine Uniformjacke: Diese Zeichnungen waren Grundlage des Wettbewerbs Foto: bz

Das vor einem Jahr von Freiburger Studierenden gegründete "14Magazin" hat gemeinsam mit der Badischen Zeitung einen Wettbewerb ausgeschrieben. Das Besondere der Aufgabe bestand darin, einen Prosatext zu drei vorgegebenen Illustrationen zu schreiben. Aus 160 Einsendungen wählte eine dreiköpfige Jury, der auch BZ-Redakteurin Bettina Schulte angehörte, die drei besten Texte aus. Wir drucken sie in einer Miniserie ab – und beginnen mit dem dritten Platz: "Der Tunnel" von Adrian Kasnitz.

DER TUNNEL

Wie kommt er dazu, seine Hände abzulegen, sie einfach so an ihrem Stoff abzustreifen, als sei sie ein Tuch, er solle sich mal ansehen, wie er da stehe, eine kleine runzelige Kartoffel, mehr sei er nicht, und jetzt solle er sie loslassen, aber das tut er nicht, tut es ganz und gar nicht, lässt nicht los, sondern zieht ihren Körper an seinen Körper, der sich ihr immer mehr nähert, ganz nahe kommt, bis sie nur noch sein Hemd sieht, das helle Hemd unter dem grauen Mantel, den faltigen Hals unter dem Kinn, und er greift fester und drückt sie an sich, ohne dass es ihr gelingt, sich aus seiner Umklammerung zu lösen. Da ist ein Geruch, der sie betäubt, das Säuerliche, gegen das ihr Atem stößt, tief ausatmen, denkt sie, immer schön ausatmen. Sie versucht, ihn abzustreifen, gegen ihn anzukämpfen, zumindest lauter zu werden, zu rufen, aber das gelingt nicht, es kommt nur ein schriller Ton heraus, einem Piepsen ähnlich, nur mehr ein Winseln, die Stimme verflüchtigt sich, verliert sich in den Falten seines Halsausschnittes, wird unverständlich, nicht hörbar für Menschen, allenfalls für Hunde, aber von denen ist weit und breit keine Spur, und jetzt liegt ihr Gesicht bereits in seinem Mantel und die Stimme ist ganz erstickt, sie will sich dagegen wehren, aber jetzt fühlt sie sich plötzlich müde, schlaff werden, ganz und gar gegen ihren Willen bleibt sie in seinen Armen, sie fühlt einen Schauer auf ihrer Haut, wie sich alle Haare aufrichten, als sträubten sie sich, zumindest sie wagen es, wenigstens sie.

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Wo ist denn jetzt dieser Tunnel? Sie war doch durch den Tunnel gerannt, sie hatte sich von dem einen losgemacht und war dem anderen in die Arme gelaufen, sie war doch weggegangen im Streit, sie hatte doch Verpiss dich! gerufen, war da nicht etwas in Peters Gesicht gewesen, das lächerlich war, das sie zum Lachen brachte, sie hatte es sich den ganzen Abend verkniffen,über dieses Gesicht zu lachen, das sich näherte, die eindeutigen Versuche, einen anständigen Abstand zu verlieren, über eine gewisse Grenze hinauszuschreiten.

Zum dem Spiel gehörte es, dass er ihr folgte,

dieser Peter mit

seinen Augen auf

Wanderschaft.

War er nicht schon im Begriff, Besitz von ihr zu ergreifen, ehe sie sich in irgendeiner Weise gerührt hatte? Hatte sie ihn nicht sofort durchschaut? War da nicht dieses Gefühl gewesen, laut loszuprusten? Schon als er mit den Gläsern ankam und sie aufforderte, mit ihm zu trinken, schon die Wahl des Getränkes war eine Nötigung, wenn sie ernsthaft darüber nachdachte, der Versuch, sie gefügig zu machen. Aber sie hatte nicht losgelacht, hatte es sich verkniffen, hatte das Getränk angenommen und in kleinen Schlucken getrunken, dass es ein Genuss war, hatte mit halber Aufmerksamkeit ihm zugehört, sein Mund nah an ihrem Ohr, hatte seinen Blick gespürt, wie er sie von der Seite ansah beim Sprechen, den Flaum auf ihren Wangen zählte oder was auch immer, dabei hatte sie den anderen zugeschaut, wie sie hin- und herliefen, wie sie tranken und tanzten, wie das Licht über ihre Körper huschte, wie sie Rauch ausstießen und Sprechblasen. Die Bewegungen der Menge schienen einer bestimmten Choreographie zu folgen, die sie entziffern wollte, gab es da nicht Wiederholungen in den Abläufen und Varianten des Treibens, waren das nicht nur einstudierte, in mühevollem Training angeeignete Bewegungsabläufe, eher ein Sport als ein Vergnügen, immer dieselben Bewegungen, die auf das immer Gleiche abzielten, was wirklich zum Ermüden war, wenn man es recht bedachte? Und dann musste sie raus, sie hielt sich den Bauch, um nicht zu lachen oder zu gähnen, und musste einfach gehen. Sie hatte vergessen, dass sie selbst nicht nur Beobachterin war, sondern zu den Abläufen gehörte, und zu dem Spiel gehörte es, dass er ihr folgte, dieser Peter mit seinen Augen auf Wanderschaft. Und draußen oder eher auf der Schwelle zwischen drinnen und draußen hatte sie sich nicht mehr halten können und gelacht, und als das Säuerliche in seinem Gesicht aufstieg, als sie den Geruch der Wut wahrnahm, die unsichtbaren Fäden, die von ihm ausgingen und bereits begannen, an ihr zu kleben, rief sie und lief Richtung Tunnel. Steht dort nicht ihr Fahrrad? Steht es jetzt vor oder hinter dem Tunnel? Was ist das überhaupt für ein Tunnel? Die S-Bahn nach wohin? Sitzt dort nicht wer, eine hingehockte Figur, die erst beim Nähertreten einen älteren Herrn ergibt, der ihr womöglich helfen könnte, man weiß ja nie, der in seinem Rausch Glückseligkeit verströmt, zumindest Selbstzufriedenheit und sich dem immerwährenden Treiben auf diese Weise entzieht? Ist es eine Mauer, auf der er sitzt oder ein Stromkasten? Das Licht der Laterne ist schwach, trifft aber sein Gesicht und lässt das Hemd hell aufscheinen, das er trägt, bei Tageslicht, denkt sie, würde man seine Dürftigkeit erkennen. Sein in diesem Licht gutmütig gezeichnetes Gesicht, ein wenig glänzend vielleicht vor zu viel Wein, aber auch rund und proper wie eine Kartoffel, denkt sie. Sie macht einen Schritt auf ihn zu, ganz unwillkürlich, als wolle sie nach dem Weg fragen, und er erhebt sich gemächlich und es erinnert an eine höfliche Geste. Dann aber schnellen seine Hände hervor. Sie denkt, er hebt sie zum Gruß, aber es ist eine Bewegung in ihre Richtung, wie kommt er dazu? Er langt nach ihr und ehe sie es begriffen hat, liegen seine groben Hände, Kartoffelhände, denkt sie, auf ihrem Arm, streifen über den Stoff und dann lassen sie nicht mehr los.

Adrian Krasnitz , geboren 1974, lebt als Schriftsteller und Herausgeber in Köln. Er veröffentlichte die Gedichtbände "Den Tag zu langen Drähten" (parasitenpresse, 2009) "innere sicherheit" (Yedermann Verlag, 2006) und "Reichstag bei Regen" (Lyrikedition-2000, 2002) sowie den Kurzgeschichtenband "Die Maske" (Sukultur Verlag, 2004). Seine Texte wurden u. a. mit dem Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln und einem Arbeitsstipendium der Kunststiftung NRW (2010) ausgezeichnet.

INFO: 14MAGAZIN

Felix Dachsel und Christina Schmidt, Studierende der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, haben im Jahr 2009 ein "Magazin für Freiburg" gegründet, das vor allem junge Leute ansprechen soll. Im Juni 2010 ist die zweite Ausgabe der von Morten Freidel und Sarah Kern herausgegebenen Zeitschrift in einer Auflage von 3000 Exemplaren herausgekommen. Den Schwerpunkt des ambitioniert gestalteten Magazins, dessen Druckkosten bei einem Verkaufspreis von 1,50 Euro weitgehend durch Anzeigen gedeckt werden, bilden Porträts, Interviews und literarische Texte.  

Autor: BZ

Autor: xfni