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27. Januar 2012

Underground als Lebensform

Zum Tod des Übersetzers, Autors und Literaturvermittlers Carl Weissner.

  1. Carl Weissner Foto: BZ

Sein größter Wunsch war, ein amerikanischer Autor zu werden. Carl Weissner, 1940 in Karlsruhe geboren, hat es fast geschafft. Er hat nicht nur – abseits des Literaturbetriebs – fast alle großen Autoren der amerikanischen Undergroundliteratur von William S. Burroughs bis hin zu Charles Bukowski, Allen Ginsberg und Nelson Algren, die Songs von Zappa und Dylan, die Comics von Robert Crumb ins Deutsche übersetzt und dabei die Grenzen seiner Muttersprache erweitert. Weissner war auch der unermüdliche Strippenzieher und Lobredner, der sie hierzulande durchsetzte. Dass der Säuferpoet Bukowski in Deutschland fast so bekannt wie in den USA ist, verdankt er seinem kongenialen Übersetzer und Freund.

Ende der Sechziger, nach einem Anglistikstudium in Bonn und Heidelberg, war Weissner mit einem Fulbright-Übersetzerstipendium nach New York gegangen und in die damals in voller Pracht erblühte Undergroundszene eingetaucht. Er traf Andy Warhol und Roy Lichtenstein, demonstrierte gegen den Vietnamkrieg und Lyndon B. Johnson, studierte den Slang der Junkies und Black-Panther-Aktivisten und schrieb zusammen mit Burroughs ein Buch in der Cut-up-Technik ("So Who Owns Death TV"). Für die deutschen Blumenkinder und 68er-Studenten, die braven Pop, Adorno und Dutschke für revolutionär hielten, hatte er nur Hohn übrig. In schrägen Figuren wie Jörg Fauser und Jürgen Ploog (mit denen er Zeitschriften wie UFO und Gasoline 23 herausgab), fand er Gesinnungsgenossen, die seine Leidenschaft für Drogen und Sex, Trash, Jazz und die Sumpfblüten der US-Subkultur teilten. Burroughs’ Rat, er müsse selber schreiben, wenn er nicht verrückt werden wolle, folgte Weissner ziemlich spät, dann aber mit schneidendem Witz, ästhetischer und politischer Radikalität. "Death in New York" (2007) war noch ein (auf Englisch geschriebenes) Thomas-Mann-Cut-up. Im Wiener Milena-Verlag erschienen seine Erinnerungen an die wilden 60er Jahre, 2010 der durchgeknallte E-Mail-Roman "Manhattan Muffdiver", kürzlich "Die Abenteuer von Trashman". Weissner erzählt darin von einer Verabredung zum Doppelselbstmord in der Silvesternacht. Jetzt wurde er tot in seiner Mannheimer Wohnung aufgefunden – ein Schock auch für das Freiburger Carl-Schurz-Haus, das am 24. Februar eine Lesung mit ihm und der Schauspielerin Anna Böger geplant hatte. Nun wird daraus eine Gedenkveranstaltung.

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Bei Bukowskis Beerdigung trug Weissner mit Sean Penn den Sarg. Heute gibt es nicht mehr viele, die stark genug wären, ihn zu Grabe zu tragen. Das Leben am Rand des Nervenzusammenbruchs kostet Kraft. Carl Weissner hat, wie es in Ginsbergs Beatnik-Hymne "Howl" heißt, die besten Köpfe seiner Generation von Wahnsinn zerrüttet, hungernd und hysterisch nackt leben und sterben gesehen, aber nie den Glauben an die subversive Kraft der Literatur verloren. "Literatur, die mich nicht fortreißt aus der Wirklichkeit, taugt nichts", sagte er einmal. "Sonst kann ich auch eine Gebrauchsanleitung für einen Toaster lesen."
– Am 24. Februar um 20 Uhr liest Anna Böger auch zum Gedenken an Carl Weissner in der Freiburger Hemingway Bar Texte von Bob Dylan und Jörg Fauser.

Autor: hal