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03. Februar 2012
Weltsicht im Konjunktiv
Zum Tod der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Wisława Szymborska.
"Mit der Beschreibung der Wolken müsst’ ich mich sehr beeilen", bemerkte Wisława Szymborska einmal. Diese luftige Unmöglichkeit, dieses fröhliche Desiderat kennzeichnen die Haltung einer Frau, die die "Welt im Konjunktiv" sah, wie der Literaturkritiker Jerzy Kwiatkowski meinte. So schien es der leidenschaftlichen Wahl-Krakauerin möglich, dass das dortige heruntergekommene Renaissanceschloss Villa Decius etwas mit ihrem Übersetzer Karl Dedecius zu tun haben könnte. Bei einem seiner Besuche in Polens alter und nach wie vor heimlicher Hauptstadt, schreibt Dedecius in seiner Autobiographie "Ein Europäer aus Lodz", hätten ihn die Dichterin und ihr Lebensgefährte Kornel Filipowicz zu einem Ausflug ins Grüne überredet, nach unzähligen Besuchen in Antiquariaten und Kaffeehäusern. Dort ist das k.u.k.-Erbe der österreichischen Provinz Galizien noch allgegenwärtig, in manchen hängt das Porträt des gütigen Kaisers Franz Joseph.
Mitten in einer vorstädtischen Parklandschaft stießen die drei auf ein "Märchenschloss im Spinngewebenetz", das sich als Sanatorium entpuppte. Wisława Szymborska hatte für den völlig verdutzten Karl Dedecius ein Treffen mit der Chefärztin arrangiert. Auf der prächtigen, säulenumstandenen Freitreppe stellte sie ihn als "Herrn Karl de Decius, Nachfahre des ersten Besitzers" vor. Die Ärztin sei sichtlich beeindruckt gewesen, so Dedecius. Der Höhepunkt dieser von Szymborska arrangierten Fügung war 1996 die Eröffnung des von Grund auf renovierten Palais als europäisches Kulturzentrum und neues Wahrzeichen der Stadt.
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Häufig traf sich die Dichterin mit ihrem Übersetzer dort, der 1959 mit der Lyrik- Anthologie "Lektion der Stille" den Grundstein für die Polnische Bibliothek legte. "Sic tacent – clamant", wenn sie schweigen, dann schreien sie: Dieses polnische, durchaus politisch zu verstehende Bonmot charakterisiert auch die ersten lyrischen Versuche der nach außen hin zurückhaltenden, raffiniert ironischen Wisława Szymborska. Am 2. Juli 1923 in Kórnik bei Posen geboren, kam sie mit acht Jahren nach Krakau, wo sie an der ehrwürdigen Jagiellonen-Universität Polonistik und Soziologie studierte. "Szymborska war keine Globetrotterin, sie reiste ungern, war an ihren Mutterboden wie angewachsen", schreibt Dedecius.
1945 veröffentlichte sie ihr erstes Gedicht in einer Tageszeitung. Bereits ihr noch sehr angepasstes Debüt "Darum leben wir" und der Band "Fragen an mich selbst" (1952/54) brachten ihr bedeutende Preise wie das Goldene Verdienstkreuz der Republik Polen ein. Doch 1957 erfolgte mit "Anrufung des Yeti" der Umbruch hin zum wahren Szymborska-Ton, der ihren internationalen Ruhm begründen sollte. Er ist gekennzeichnet durch ausgeprägtes Formbewusstsein und kristalline Klarheit, die auch ihre Prosaminiaturen prägen. Wisława Szymborskas "Weisheit der Poesie" wird besonders in jenen Gedichten deutlich, in denen sie ihr Handwerk ironisch reflektiert. Zum Klassiker wurde "Freude am Schreiben" aus dem Jahr 1967: "Über dem weißen Blatt lauern sprungbereit / Buchstaben, die sich schlecht fügen könnten, / belagernde Sätze, / vor denen es keine Rettung geben wird." Nach diesem fatalistischen Auftakt findet das lyrische Ich durch Fragen zu neuer Stärke, ja zu Optimismus: "So gibt es also eine Welt, / deren unabhängiges Schicksal ich bestimme? / Eine Zeit, die ich binde mit Ketten von Zeichen? Eine Existenz, beständig durch meine Verfügung? / Freude am Schreiben. / Möglichkeit des Erhaltens. / Rache der sterblichen Hand."
Auch in Liebespoemen wie "Wenn du gehst" (1959) bricht sich Szymborskas "negative Poetik" Bahn: "Sieht er an mir vorbei / such ich mein Spiegelbild / an der Wand. Und sehe nur / den Nagel, ohne Bild." Sie wurde von der Philosophie Sartres und Heideggers beeinflusst, wie etwa ihr Gedicht über das "Nichten des Nichts" verriet.
Interviews waren Szymborska zuwider, sie verwies lieber auf ihr vielbändiges Werk, das 1996 mit dem Literatur-Nobelpreis gekrönt wurde. In Stockholm wurde sie als "Mozart der Poesie" gewürdigt, der mit der "Wut Beethovens" schreibe. Eine Ausnahme von ihrer Öffentlichkeitsscheu machte die Lyrikerin vor zwei Jahren für Katarzyna Kolenda-Zaleskas Dokumentarfilm "Manchmal ist das Leben erträglich". Darin bekannte sie sich zu Nippes und Boxkämpfen und mokierte sich als passionierte Raucherin über die mangelnde Schaffenskraft der Nichtraucher. Im Januar 2011 erhielt sie im Krakauer Wawel, der einstigen Königsresidenz, die höchste polnische Auszeichnung, den Orden des Weißen Adlers. Am Mittwochabend ist Wisława Szymborska, Polens größte Dichterin, im Alter von 88 Jahren gestorben. Ihr Tod bewegt das ganze Land.
Autor: Katrin Hillgruber
