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16. Januar 2010

" . . . wie wenn Bayern München Meister wird"

Der renommierte Deutsche Krimi-Preis und sein Freiburger Juror – der Buchhändler Robert Schekulin

  1. Seit 1999 als Experte gefragt: Robert Schekulin Foto: ingo schneider

Donna Leon hat ihn nicht bekommen – zumindest nicht den 1. Preis, ebenso wenig Henning Mankell oder Jacques Berndorf, um nur drei der Verkaufsschlager der vergangenen Jahre zu nennen. Und das ist auch gut so, wozu Bücher prämieren, die sich sowieso gut verkaufen? Nun war es wieder so weit, die Ermittlungen sind abgeschlossen, der Deutsche Krimi-Preis, kurz DKP wurde vergeben. Ulrich Ritzel und David Peace heißen die beiden ersten Sieger 2010, ob die beiden "inhaltlich originell und literarisch gekonnt dem Genre neue Impulse verleihen" – so lautet die Maxime des renommiertesten und ältesten Kritiker-Krimipreises in Deutschland –, darüber lässt sich wie immer streiten.

Der Deutsche Krimi-Preis existiert seit 1985. Und wie jedes Mal schütteln einige auch beim 26. Mal wieder den Kopf, wie es halt so ist bei Preisverleihungen: Den einen sind die Preisträger zu wenig innovativ oder radikal, den anderen wiederum zu abgehoben, weil die ausgezeichneten Thriller weder den Mainstreamgeschmack widerspiegeln noch die Verkaufszahlen. Eine Gratwanderung.

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Doch Kritiker sind auch nur Leser, ebenso die Gründer des Deutschen Krimi-Preises nichts anderes als Fans des Genres. Pioniere waren sie. Der Journalist Reinhard Jahn und der Werbetexter Werner Puchalla hoben 1984 das Bochumer Krimi-Archiv aus der Taufe, um Veranstaltungen zu organisieren und Wissen auszutauschen, heute würde man sagen, um ein Netzwerk zu etablieren für Kriminalliteratur. Und da durfte eine Preisverleihung einfach nicht fehlen. Reinhard Jahn leitet das mittlerweile in Essen angesiedelte Krimi-Archiv immer noch – und damit auch die Vergabe des DKP. Immer einen Blick wert: die Web-Site.

Nur dort und mit einer profanen Pressemitteilung werden die Ergebnisse verkündet. Tatsächlich wird der Deutsche Krimi-Preis nicht öffentlich vergeben – dafür gibt es kein Geld. Vielleicht geht er auch deshalb ein wenig unter in der inzwischen ziemlich preiswütigen Literatur-Szene. Zu Unrecht, denn seine Unabhängigkeit garantiert eine 35-köpfige Jury aus Krimi-Kritikern, Literaturwissenschaftlern und zehn Krimi-Buchhändlern. Weder die Juroren, noch die Preisträger sehen einen müden Euro, der Preis ist in jeglicher Hinsicht undotiert.

Seit 1999 dabei ist auch ein Freiburger Buchhändler. Robert Schekulin betreute einst das Krimi-Programm der UFO-Buchhandlung und kümmert sich mittlerweile um die Kriminalliteraturabteilung der Buchhandlung am Schwarzen Kloster. Was haben Verkäufer in der Jury verloren? "Ich nehme zumindest jede Neuerscheinung mal in die Hand", sagt Schekulin, "und habe auch die kleinen Verlage auf dem Schirm". Circa 800 Krimis kommen pro Jahr in die Läden.

Im Gegensatz zum "Glauser", dem dotierten, im Frühjahr verliehenen Krimi-Preis der Autoren, bei dem nur deutschsprachige Schriftsteller in verschiedenen Sparten gekürt werden, gibt es beim DKP die Kategorien "National" (deutschsprachig) und "International", wobei nur Erstveröffentlichungen in Frage kommen. Jedes Jury-Mitglied hat Punkte für ein Werk zur Verfügung: drei, zwei und einen – dann wird gerechnet. Ein Nominierungsverfahren gibt es nicht, gleichwohl bieten Platzierungen in der monatlichen Krimi-Bestenliste von Arte/Die Welt Anhaltspunkte (http://www.arte.tv/krimiwelt): Acht der Juroren der Bestenliste votieren auch beim Deutschen Krimi-Preis.

Dieses Jahr sind die Preisträger eher unspektakulär: Der Sieger "National" heißt Ulrich Ritzel mit "Beifang" (btb-Verlag), auf den Plätzen Friedrich Ani ("Totsein verjährt nicht", Zsolnay) und Jörg Juretzka ("Alles total groovy hier", Rotbuch). "Das ist wie wenn Bayern München Meister wird", sagt Schekulin. Diese Autoren sind schon (zurecht) vielfach ausgezeichnet und schon über zehn Jahre im Geschäft. Ein alter Bekannter ist auch der Sieger in der Kategorie "International": David Peace, Preisträger 2006, lässt nun nicht mehr in England sondern im tristen Nachkriegsjapan einen Ermittler von seiner Paranoia erzählen. Platz drei ging an den Jahre lang ignorierten Iren Ken Bruen, der wohl durch seinen Übersetzer Harry Rowohlt (steht groß auf dem Buchdeckel) ins Licht der Jury rückte.

Eine Entdeckung dagegen der hart gesottene Polizeikrimi "Kap der Finsternis" von Roger Smith, wiewohl der dem Südafrika-Boom Rechnung trägt: "Ich hader’ ein wenig mit dem Anspruch, dass originelle und innovative Krimis prämiert werden sollen", sagt Schekulin. Kein Wunder, denn keiner seiner Kandidaten schaffte es in die Top drei. Schekulins Favoriten "National", Uta-Maria Heim ("Wespennest", Gmeiner Verlag) und Wolfgang Schorlau ("Das München-Komplott", KiWi) dürften an Dreisam und Neckar keine Überraschung sein, während Zoran Drvenkar ("Sorry", Ullstein) noch auf den Durchbruch als Romanautor wartet. Das Gleiche gilt für die Autoren "International": Don Winslow ("Frankie Machine", Suhrkamp), Gerard Donovan ("Winter in Maine", Luchterhand) und William Gay ("Nächtliche Vorkommnisse", Arche). Fragen Sie den Buchhändler Ihres Vertrauen oder stöbern Sie in der aktuellen Bestenliste von arte/Die Welt. Ein bisschen ermitteln gehört zum Krimi-Lesen dazu.Weitere Informationen unter      www.deutscher-krimipreis.de

Autor: Joachim Schneider