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30. April 2010
Auf der Suche nach Spuren des Lichts
Marion Poschmanns Gedichte gehen in Vorgärten, Fußgängerzonen und selbst an Verkehrsampeln auf Geisterfang.
Und? Sieht man sie? Die Geister? Sie müssen ja da sein, sagt sich die Lyrikerin Marion Poschmann. Mitten unter uns. Überall im Alltag der kleinen Bürgerwelt spürt sie sie auf und bannt sie in ihre Zeilen. Sie geht auf Geisterfang in der profanen Welt, die von Geistern und Geist nicht viel zu ahnen scheint. Autobahnen, Fußgängerzonen, Kaufhäuser. Sie alle finden Platz in Posch-manns Gedankenübungen, die sie in freie fließende Verse kleidet, deren aus Prosa genähter Stoff noch der banalsten ihrer Reflexionen Glanz verschafft.
Dichten heißt in Bildern sprechen, sagt der alte Common Sense. Der Philosoph weiß außerdem, dass manches frische Bild entdeckt, wer über einen Gemeinplatz geht und dabei auf eine unverhoffte Redewendung stößt. Marion Poschmann kennt diesen Gang an Holzwegen entlang und die Gemeinplätze , die sie ansteuert, stammen oft aus trivialen Anlässen. So fragt sie einmal, ob sich ein solcher Gemeinplatz unter dem Titel "Schwarzpunkt" eröffnet, denn apodiktisch hebt sie an: "Schuldgefühl ist immer berechtigt", und sie erinnert sich: "damals wollte ich noch / eine Wolke werden, die Art, auf der / Gott sitzt, umgeben von Blendungen, / Blechbläsern, Hagelraketen."
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Das Bild wackelt in der Art, "auf der Gott sitzt". Das erscheint für ein Märchen zu grau und im Gedicht zu unpräzise. Doch entsteht aus der Unschärfe Schärferes? "schon damals war es mein Wunsch, / am Wetter beteiligt zu werden, / doch man begnügte sich meist / mit dem Grad meiner Dunkelheit." Die Strophe hebt ironisch an und endet kläglich. Die Dichterin wollte hoch hinaus, doch man verkennt sie. Resigniert sie deshalb? Nein, sie hat Freude am Denken zwischen den Gebräuchen der Rede und den Stimmungen, die sie daraus fürs Gedicht machen kann. "früh morgens fanden wir / Berge von Fahrradfelgen / in unserem Vorgarten wie / Regelkreise von Begehren und Verstoßen."
Der Vergleich klingt überanstrengt, führt dann plötzlich ins kinematografische Fahrwasser, wo Doppelbelichtungen Verstecke versprechen, doch sie sieht ihr Gegenüber, ihren Partner womöglich, "flackernd von Sendepausen durchwirkt / du wolltest dir Zwischenräume zugute halten / was nicht gelang." Es passiert also nichts als eine fragwürdige Aufnahme. Wie man sich eine von Sendepausen durchwirkte flackernde Figur vorzustellen hat, bleibt fraglich. Doch ist die Frage ohne Dringlichkeit, sie wäre durch eine beliebige andere leicht zu ersetzen. Drum scheint der Ton von vornherein zu aufgedonnert. Erwartung und nichtiges Geschehnis verkünden eine Spannung, die sie nie halten können.
Die Gedichte Marion Poschmanns haben ihre eigene Logik zwischen der Prosa und dem lyrischen Sprechen. Manchmal nähert sie sich zu sehr den Wortmoden von heute an: Wenn sie ein Bild "bis zum Anschlag" ausweitet und "bis zum Abwinken offen halten" will. Das weiße Rauschen der Medien, natürlich, es ist auch in der Lyrik kaum zu unterdrücken. Auch manches Bild verwässsert Poschmann mehr, als sie es verdichtet. Etwa wenn sie einer Verkehrsampel die Ironie zumutet: " irgendwie süß: denn wir sollen hier eine Anweisung / für unser weiteres Leben entnehmen". Doch Marion Poschmann ist unterwegs. Sie startet auf dieser neuen Station ihres "Geistersehens" eine vorsichtige Extratour, um durchs Prosaische hindurch auf Spuren des Lichts zu treffen.
– Marion Poschmann: Geistersehen. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2010. 126 Seiten, 17,80 Euro.
Autor: Wilhelm Hindemith
