Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

11. Februar 2012

Das war’s. War’s das?

Man wartet, dass noch etwas geschieht im Leben einer 80-Jährigen: Stewart O’Nans Roman "Emily allein".

  1. Ein Tag wie der andere: Stewart O’Nan feiert die Ereignislosigkeit. Foto: Mihalis A. (Fotolia.com)

Emily weiß nichts rechtes mit sich anzufangen: Sie ist in einem Alter, das von "Stille und Warten" geprägt ist, und ihr ohnehin nicht sonderlich überraschendes Leben hat aufgehört, eine "dringende oder notwendige Angelegenheit" zu sein. Ihr Mann Henry ist vor sechs Jahren an Krebs gestorben, ihre Freundinnen sind tot, ihre Tochter, ihr Sohn schlagen sich in andern Städten mit ihren eigenen Problemen herum. Bleibt nur noch ihr Hund Rufus und ihre Schwägerin Arlene; die Beziehung zu ihr beruht eher auf Zweckmäßigkeit als auf Zuneigung.

Jeden Dienstag fährt Emily mit ihr zum Frühstücksbüffet ins Eat ’n’ Park, weil es dort dann alles zum halben Preis gibt. Mittwochs kommt Betty, die bei ihr putzt, und sonntags ist der Frühgottesdienst an der Reihe: Mehr an festen Terminen ist nicht. Als Arlene bei einem der Dienstagstreffen mit dem Gesicht ins Büffet kippt und zur Untersuchung ins Krankenhaus muss, wird Emily plötzlich gebraucht und empfindet sich als "Teil eines größeren Zusammenhangs", das Gefühl ist von kurzer Dauer. Arlene wird bald als gesund entlassen, und Emily löst wie gewohnt Kreuzworträtsel bei Tee und Toast, staubt die Pflanzen im Haus ab, blättert Kataloge durch oder plant einen Besuch an Henrys Grab, den sie immer wieder verschiebt.

Werbung


Zu Erinnerungen hat sie ohnehin ein zwiespältiges Verhältnis, sie sind öfter Heimsuchung als Trost: Denn sie führen ihr die Dürftigkeit der Gegenwart noch quälender vor Augen. Was sie einst mit Henry als liebevolle Zeremonie gepflegt hat, wie das Schließen ihrer Jadehalskette, artet jetzt in eine nervenaufreibende und erniedrigende Anstrengung aus. Alles ist gleichzeitig zu wenig und zu viel, da passiert es leicht, dass man sich verzettelt: Und hinterher ist nichts wirklich erledigt.

Ein ganzes Kapitel lang beschäftigt Emily sich damit, sämtliche Kleenex-Schachteln in ihrem Haus umzugruppieren: Die halbvolle neben dem Sessel wird gegen die leichteste auf der Küchentheke ausgetauscht, die wiederum wandert auf den Schreibtisch neben Henrys alten Computer, die ihrerseits die leere auf dem Toilettenspülkasten ersetzt. Aber das ist erst der Anfang: Da sind noch Emilys Schlafzimmer, das Bad und die ehemaligen Zimmer der Kinder: Wo welche wie volle Packung schließlich ihren Platz findet, will gut überlegt sein, die Verteilung gestaltet sich aufwendig und gehorcht einem genau ausgeklügelten System.

Und so vergeht ein Tag nach dem anderen ohne besondere Vorkommnisse, man liest sich durch die kleinen Mühsale und Freuden von Emilys Leben und wartet, während man eine Seite nach der anderen umblättert, dass irgend etwas passiert: eine späte Romanze, die sich am Horizont abzeichnet, ein wie auch immer geartetes Ereignis, das Emilys Existenz eine Wendung ins Lebhaftere gibt: Doch nichts dergleichen geschieht. Nach der Hälfte des Buches findet man sich damit ab, dass dieses bescheidene Vorsichhinwerkeln alles ist, dass es so weitergeht, mehr ist nicht drin. Weder für Emily, noch für den Leser. Das war’s, denkt man, das ist der klägliche Rest, wenn man mal jenseits der 80 ist?

Doch wie so vieles im Leben ist auch das eine Sache der Betrachtungsweise: Wenn man die Schärfeneinstellung verändert, wenn man näher hinschaut und sich einlässt, springt etwas um im Bewusstsein: Und die scheinbar so belanglosen Dinge nehmen die Umrisse bedeutender Begebenheiten an. Da ist Emilys Hund Rufus mit seinem Schilddrüsenproblem, da ist der Kirchenbasar, für den der Keller nach verwertbaren Gegenständen durchsucht werden muss; der neue kobaltblaue Subaru muss eingefahren, das Testament auf den neuesten Stand gebracht werden, und die Gartenarbeit macht sich auch nicht von alleine.

Dass Privatangelegenheiten ernster genommen werden als so "unverfängliche Themen" wie der Irakkrieg, die Wirtschaftspolitik oder Guantanamo: Diese Haltung könnte man genauso gut beanstanden. Stewart O'Nan tut das nicht. Er ist ganz auf Emilys Seite. Er hat einen Roman geschrieben, der für Mitgefühl plädiert, einen Roman, der eine sinnliche Erfahrung – ja, fast eine Feier – der Ereignislosigkeit ist. Und der es einem nicht leicht macht, auf Abstand zu gehen.

– Stewart O'Nan: Emily, allein. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel.
Rowohlt Verlag, Reinbek 2012. 380 Seiten, 19,95 Euro.

Autor: Ingrid Mylo