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31. März 2010

Der Bauer, der Dung, die Nasenoperation

Posy Simmonds hat sich für ihre Comicerzählung "Tamara Drewe" von einem viktorianischen Gesellschaftsroman inspirieren lassen.

  1. Englisches Landleben – manchmal eine Idylle Simmonds Foto: Simmonds

Ein Näschen zerstupst die Idylle. Ohne Knollennase versprüht Tamara Drewe entwaffnenden Charme. "Der hat uns alle überwältigt, mich eingeschlossen", gesteht Beth widerstrebend. Die Frau des erfolgreichen Autors Nicholas Hardiman schmeißt die Schriftsteller-Pension Stonefield. Sie kümmert sich um alles und verwöhnt die angehenden und bereits etablierten Autoren, die sich auf den behaglichen, ländlichen Gutshof unweit von London zurückziehen. Ein scheinbar unbeschwertes, harmonisches Miteinander, bis die hübsche Tamara mit der operierten Nase über Stonefield hereinbricht und das eingefahrene Leben durcheinander wirbelt. Am Ende gibt es zwei Tote.

Die Britin Posy Simmonds hat ihre Geschichte von "Tamara Drewe" an den Klassiker "Am grünen Rand der Welt" angelehnt. In dem viktorianischen Gesellschaftsroman von Thomas Hardy (1840-1928) bringt die junge Schönheit Bathsheba Everdene Unglück über Schaffarmer Gabriel Oak. Gabriel verliebt sich in die neu Angekommene, die ihn jedoch verschmäht und sich mit anderen Männern einlässt. Bei Simmonds lässt die zeitgenössische Klatschkolumnistin Tamara den Pleitier und verhinderten Biobauer Andy abblitzen, der fremde Gärten und Felder beackern muss. Er hadert mit seinem Schicksal, die Dorfjugend mit ihrem öden Dasein. Beth und Nicholas zanken. Auch unter den eitlen Autoren knirscht es immer lauter. Die Fassade der Harmonie auf Stonefield bröckelt: Enttäuschung, Neid und aufgestauter Unmut beginnen sich zu entladen.

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Was dramatisch klingt, kommt bei Simmonds als ironische und wunderbar leichte Mischung von Erzählung und Comic daher. Dieses Format erlebt eine sanfte Blüte. Ende des 19. Jahrhunderts beginnt Wilhelm Busch "in Bildern zu schreiben". Zwischen Karikatur, bebilderter Erzählung und Bildergeschichte entwickeln sich neue Erzählformen – bis zum Aufkommen der Comics. Sie gelten in Deutschland schnell als Schund, der die Jugend verdummt. Distanz zwischen Zeichnung und Text ist gefragt, außer im Kinderbuch. Wegen der Unvereinbarkeit der Zielgruppen etabliert sich allerdings auch in anderen Ländern eine recht starre Abgrenzung von Comic und Literatur. In den 1970ern weicht sie langsam einer Annäherung: Erstmals sprechen Zeichner wie Moebius mit künstlerischen Comics auch Intellektuelle an. Um dies herauszustellen erfindet Will Eisner für seine comicartige Erzählung "Vertrag mit Gott" (1978) die wohlklingende Bezeichnung "graphic novel". Während der 1980er und 1990er verbrüdern Künstler wie Enki Bilal und Jaques de Loustal ebenfalls vereinzelt literarische Texte mit Comickunst. Seit etwa fünf Jahren nehmen solche Verknüpfungen zu.

In unterschiedlichen Varianten schildern Craig Thompson, Guy Delisle und Reinhard Kleist ihre Erfahrungen in fremden Ländern. Die Französin Fred Vargas schreibt ein Krimi-Szenario, das Baudoin 2008 wild, fahrig, aber sehr eindrucksvoll bebildert. Der deutsche Autor Thomas von Steinaecker veröffentlicht 2009 "Geister", seinen zweiten Roman mit Comicelementen. In "Bob Dylan – Revisited", dessen deutsche Ausgabe im August 2010 erscheint, visualisieren mehrere Künstler ihre Assoziationen zu Songs beziehungsweise Texten des Sängers.

Sie nutzen die Möglichkeit, in Strichen und Buchstaben verschiedene Wahrnehmungswelten gegeneinander abzusetzen – wie Posy Simmonds. Sie hat "Tamara Drewe" durch ihr Spiel mit Text und Bild jenseits üblicher Comics eine enorme Vielschichtigkeit verliehen. Simmonds, die seit 30 Jahren als Karikaturistin, Zeichnerin und Kinderbuchautorin arbeitet, blickt in ihrem Band tief in ihre Figuren hinein. Sie erlaubt ihren Persönlichkeiten mit textlastigen Monologen, Rückblenden und Briefen Tiefe zu entfalten. Jeder wichtige Protagonist besitzt einen eigenen Tonfall, eine eigene Stimme. Parallel dazu fließt die Handlung – die realen Ereignisse – als Comic dahin. In zarter, luftiger Grafik blüht die trügerische Landidylle herrlich auf. Fast meint man, das Gackern der Hühner zu hören und den Duft des Dungs zu riechen.

– Posy Simmonds: Tamara Drewe. Aus dem Englischen von Uli Pröfrock. Reprodukt Verlag, Berlin 2009. 136 Seiten, 20 Euro.

Autor: Jürgen Schickinger