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27. April 2010

Der Friseur und der Killer

Im Auftrag des "Playboy": Denis Johnsons Pulp-fiction-Fingerübung "Keine Bewegung!".

  1. Denis Johnson Foto: johnson

"Alles, was Männern Spaß macht", das alte Rezept des "Playboy", funktioniert im Zeitalter von Internetpornos, Klimakatastrophe und Frauenbewegung nicht mehr so recht. Wie Hugh Hefner selber ist auch seine Wundertüte aus Sex, Männerwitzen und Motoren in die Jahre gekommen. Dabei waren sich Autoren wie John Updike, Saul Bellow und Robert Coover nie zu schade, die Blößen der Playmates mit ihren literarischen Feigenblättern zu bedecken. 2008 gab sich auch Denis Johnson, einer der Großmeister der jüngeren US-Literatur, für einen Quickie her. Auch wenn "Keine Bewegung!" kein Meisterwerk ist: Der Ausflug in die Niederungen der Pulp fiction macht ihm keine Schande und beim Lesen mörderisch Spaß.

Gestandene Schriftsteller wie Julian Barnes oder John Banville greifen gern zu Pseudonymen, wenn sie als Erholungsübung einen Krimi schreiben: Johnson kann es sich leisten, mit offenem Visier zu schreiben. "Keine Bewegung!" ist hartgesotten, zynisch, vibrierend vor Action, Sex und Gewalt: eine Räuberpistole im Geist von Tarantino. Gambol, der Killer mit seinen Samurai-Weisheiten ("Seinen Feind zu hassen ist hinderlich. Besser man bleibt kalt") ist ein Bruder von Anton Chigurh, dem prinzipienfesten Psychopathen mit dem Bolzenschussgerät, und ein enger Verwandter von van Ness, dem metaphysisch vergrübelten Killer aus Johnsons Roman "Schon tot".

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Jimmy Luntz, ein schusseliger Friseur, der mit seinem Barbershop-Chor beim Wettsingen gerade abgeschmiert ist, hat jedenfalls ein Problem, als sich Gambol zu ihm ins Auto setzt, um mit dem Montiereisen alte Schulden einzutreiben. Der liebenswerte Tölpel kann sich mit einem beherzten Schuss aus der Patsche retten, aber das macht Gambol erst recht wütend. Mit einem waidwunden Killer, der seinen Feinden schon mal die Hoden abbeißt, ist nicht zu spaßen. In einer ähnlich ausweglosen Situation befindet sich Anita Desilvera: Die attraktive Blondine ist von ihrem Mann betrogen und auf die Straße geworfen worden. Das schreit nach Vergeltung. Was liegt näher, als sich mit Jimmy zu verbünden und die 2,3 Millionen Dollar, die ihr Gatte ergattert hat, unter den Nagel zu reißen? Der Loser und die Femme fatale schließen, auch im Bett, ein Zweckbündnis; aber es liegt kein Segen auf ihrer Liebschaft. Gambol lässt sich bei seinem Rachefeldzug nicht aufhalten. "Wenn du glaubst, dass es so etwas wie Gnade gibt, lebst du in einem glücklichen Traum."

"Keine Bewegung" ist, bei allen (auch rüde sexistischen) Zugeständnissen an das Genre, durchaus ein echter Johnson. Die schäbigen Motels und Bars, die alten Hippies, Rocker und Sinnsucher, die in der kalifornischen Wüste hausen, die coolen Sprüche und hart gesottenen Dialoge kennt man auch aus seinen Romanen und Erzählungen. Johnson genoss seine Auftragsarbeit für den amerikanischen "Playboy" nach seinem grandiosen Anti-Kriegsroman "Ein gerader Rauch" sichtlich, und so zeigt selbst der Gelegenheitsjob die Pranke des Löwen.
– Denis Johnson: Keine Bewegung! Roman. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt Verlag, Reinbek 2010. 205 Seiten, 17,95 Euro.

Autor: Martin Halter