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31. Januar 2012
Der Geist am Machtpol
Hans Joachim Schädlichs Novelle "Sire, ich eile..." : Voltaire bei Friedrich II.
Was zieht Geistesmenschen zum Pol der Macht? Wollen sie als willfährige Lakaien deren Ruhm mehren? Oder ihren eigenen? Und sind sie am Ende nicht doch nur Hofnarren, die nach Lust und Laune auf die weltpolitische Bühne berufen und auch wieder von ihr herabgestoßen werden? Im Fall von Voltaire und Friedrich II. dürfte es zumindest zu Beginn ihrer intellektuellen Bekanntschaft ein geistiger Gleichklang gewesen sein, der den französischen Schriftsteller und Philosophen und den preußischen Thronfolger zueinander brachte. Friedrich warb heftig um die Gunst Voltaires. Voltaire, der in Frankreich immer wieder Verfolgung ausgesetzt und mit seiner Geliebten Émilie du Chatelet in die Provinz geflohen ist, fühlt sich geschmeichelt. Und zugleich auch hingezogen zu diesem neuen Typus eines Herrschers.
Hans Joachim Schädlich beleuchtet die fragile, Jahrzehnte währende Beziehung zwischen dem Philosophen und dem König zu dessen 300. Geburtstag in seiner Novelle "Sire, ich eile.... Voltaire bei Friedrich II.". Und Schädlich bleibt damit einem Thema treu, das sich durch sein ganzes Werk zieht: die gegenseitige Anziehungskraft von Geist und Macht. Nun liegt die Sache im Fall des Aufklärers Voltaire und des absolutistischen Herrschers Friedrich ein wenig komplizierter: Denn der Preuße, von seinem Vater, dem Soldatenkönig Friedrich I., mit größter Strenge auf seine Berufung vorbereitet, sah sich selbst als Feingeist: Er war ein junger Mann mit philosophischen Ambitionen. Dann in sich gespaltener Monarch: homophil und den Verpflichtungen seines Standes unterworfen. Schließlich ein Reformator und eiskalter Machtpolitiker, zynisch und großherzig, depressiv und gefährlich. Émilie, Voltaires große Liebe, erkennt schon beim ersten Brief des werbenden Thronfolgers den Tatmenschen hinter dem schönen Schein des Geistes: "flegelhaft-arrogant" nennt sie ihn, "aggressiv-verächtlich".
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Hans Joachim Schädlich beschreibt die Beziehung zwischen Voltaire und Friedrich II. in seinem sehr eigenen Ton: sachlich, spröde fast, von sprachlicher Einfachheit und Kraft. Es ist ein schönes Spiel der Fakten, das Schädlich inszeniert; eine Prosa des Benennens, der Namen und der Orte. Kein Satz ist zu viel, alles Schmückende ist weggelassen, um auf das Wesentliche zu kommen. Das Wesentliche ist nicht, die beiden der Historie entlehnten Figuren zu porträtieren – das passiert eher nebenbei.
Worauf es Schädlich ankommt, ist die Relation. Die spannende Frage lautet: Wie schlägt Nähe zur Macht um in Selbstaufgabe; und wie kann man sich wieder befreien aus den Fängen eines Herrschaftssystems? Es geht um die Frage von Anziehung und Abstoßung. Hans Joachim Schädlich hat dieses Problem mehrfach bearbeitet, in unterschiedlichsten Formen. Er, der zu DDR-Zeiten von seinem eigenen Bruder bespitzelt wurde, weiß um die Gefahren der Distanzlosigkeit gegenüber einem autoritären System. Mit "Sire, ich eile..." hat Hans Joachim Schädlich nicht nur eines der schmalsten Bücher zum Friedrich-Jahr vorgelegt. Sondern auch eines der interessantesten. Das poetischste sowieso.
– Hans Joachim Schädlich: "Sire, ich eile..." Voltaire bei Friedrich II. Eine Novelle. Rowohlt Verlag, Reinbek 2012. 144 Seiten. 16,95 Euro.
Autor: Ulrich Rüdenauer


