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07. Oktober 2008
Der Kampf ums Schreiben
"Jede Sorte von Glück": Die Briefe der Schriftstellerin Brigitte Reimann an ihre Eltern
Brigitte Reimann wäre vor wenigen Wochen 75 Jahre alt geworden. Die Autorin von "Franziska Linkerhand" starb vor 35 Jahren. Nun ist noch ein neues Buch von ihr erschienen. "Jede Sorte von Glück" fasst auf 459 Seiten ihre Briefe an die Eltern zusammen. Die Briefe setzen in Hoyerswerda ein. Die zwischen Dresden und Berlin im Norden des Freistaats Sachsen liegende überschaubar große Stadt wurde zu DDR-Zeiten wegen der Braunkohle-Tagebau-Aktivitäten in der Nähe fast explosiv vergrößert. Brigitte Reimann lebte und arbeitete hier zunächst mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Sigfrid Pitschmann. Ihr zweiter Mann, John K., bleibt in diesem Band anonym. Zum letzten Mal heiratete sie in Neubrandenburg, der zweiten und letzten Lebensstation. Neubrandenburg im östlichen Mecklenburg-Vorpommern war zu DDR-Zeiten Bezirksstadt und besticht durch die weithin erhaltene historische Stadtmauer.
Aber die geographischen Umstände, sogar die politischen, sind angesichts dessen, worum es geht, fast belanglos: Brigitte Reimann erzählt immer neu und immer wieder die Geschichte, mit welchen Mühen und Kämpfen es verbunden ist, schreibend zu leben; welche Kraft es kostet, sich Tag für Tag eine Seite um die andere des gerade aktuellen Manuskripts abzuringen. Mit das größte Hindernis ist die Tatsache, dass oft die blanke materielle Not herrscht – und das in einem Land, in dem es so etwas offiziell nicht gab. Auch nach den ersten literarischen Erfolgen kehrt der Mangel zurück (und wird durch eigene Schwierigkeiten, hauszuhalten, noch verschärft). Auch wenn in der DDR die Preise niedriger als heute waren, liest man mit Entsetzen, mit wie vielen Mühen Verlagen und anderen geradezu unverschämt niedrige Unterstützungen abgerungen werden mussten.
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Es wäre ein Fehler, den Band nur retrospektiv zu lesen, weil die DDR seit 3. Oktober 1990 nicht mehr existiert und deshalb Brigitte Reimanns Bekenntnis zu ihrem Land – und zum Bitterfelder Weg, dem Schulterschluss der Schriftsteller mit den Werktätigen – nicht mehr von Belang sei. Damit geschähe ihr Unrecht: Sie berichtet von Aktivitäten, die durchaus nicht darauf schließen lassen, dass sie eine Parteigängerin ihres "Systems" gewesen sein könnte. Im Gegenteil: Sie hat sich, offensichtlich auch öffentlich, sehr kritisch mit Hoyerswerda auseinandergesetzt.
Und doch geht Brigitte Reimann nach Neubrandenburg. Mit wie viel Geduld, List und Tücke ein Umzug dieser Art zu DDR-Zeiten verbunden war, mag man sich heute kaum vorstellen. Und die Schriftstellerin lässt sich durch ihre beginnende Krebserkrankung von diesem Vorhaben nicht abbringen. Das Glück in Mecklenburg in einer kleinen Wohnung mit einer nochmaligen Ehe ist kurz. Die Autorin kann ihren Roman "Franziska Linkerhand" nicht beenden. Nicht nur, weil sie – unter anderem aus finanziellen Gründen – immer wieder andere Arbeiten dazwischenschieben muss. Sie kann den Krebs nicht besiegen, die Krankheit quält sie auf sehr tückische Weise mit vielen Schmerzen und grausigen Operationen. Die in ihren Briefen – trotzdem – immer wieder aufscheinende Energie, der unbändige Lebenswille, die Fähigkeit, mit wenig immer wieder neu anzufangen, nötigen Respekt ab.
Dass der Band im Aufbau-Verlag herauskam, ist die gute Nachricht am Rande. Die Berliner verstehen das Büchermachen immer noch, zu mäkeln gibt es wenig – so könnte man sich darüber streiten, ob es sinnvoll war, die Briefe von den erklärenden Anmerkungen räumlich zu trennen. Trotzdem ein tolles Buch, das Lust drauf macht, mehr von Brigitte Reimann zu lesen.
– Brigitte Reimann: Jede Sorte von Glück. Briefe an die Eltern. Herausgegeben von Heide Hampel und Angela Drescher. Aufbau-Verlag, Berlin 2008. 459 Seiten, 24 ,95 Euro.
Autor: Frank Berno Timm
