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13. Juli 2010
Die entzauberte Welt
"Blumen für den Führer" und "Die verlorenen Schuhe": Auseinandersetzungen mit der Nazi-Zeit.
Jugendliche brauchen Idole, seien es Tokio Hotel oder Bastian Schweinsteiger. Auch Reni, Hilde und Friederike aus dem Kinderheim Haus Ulmengrund haben eines. Wie Reliquien sammeln die 15-Jährigen den Staub, der an den Schuhen ihres geliebten Führers Adolf Hitler klebte. Und ahnen nichts von dem Unheil, das er über das Land bringt. Unkritisch plappern sie seine Parolen nach vom Einzelnen, der nichts und der Gemeinschaft, die alles ist, und spüren nicht, dass die Nazi-Ideologie sich wie Gift in sämtliche Poren der Gesellschaft frisst bis hinein ins Haus Ulmengrund.
Die beliebte Erzieherin Fräulein Knesebeck ist die erste, die ihr zum Opfer fällt. Der naive Personenkult, den die Teenager um den "Führer" zelebrieren, ist in der Ausführlichkeit, wie Jürgen Seidel ihn ohne einen Hauch von Ironie zu schildern für nötig hält, zuweilen schwer erträglich, womöglich aber ein penibles Lehrstück über die Mechanismen von Anpassung und Verdrängung. Dringend warten wir darauf, dass die Mädels ihren rosaroten Schleier, den sie über die Wirklichkeit gebreitet haben, endlich fallen lassen. Aber nichts dergleichen. Sie weben ihn nur noch dichter. Zumal Reni das "Glück" hat, dem Führer bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 1936 in Berlin einen Blumenstrauß überreichen zu dürfen. Und darüber hinaus dem armen Waisenkind auch noch ein leibhaftiger Graf als Vater aus dem Hut gezaubert wird. Er verschafft Reni den Zugang zum innersten Kreis der Hitler-Gefolgschaft. Komtesse Renata, wie er sie nennt, tut alles, um den Erwartungen ihres Vaters zu entsprechen. Sie will ihm – auch er jetzt ein Idol – unter allen Umständen gefallen.
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Radikal entzaubert hingegen wird die Welt der Inge Baken von der Autorin Gina Mayer. Noch im Oktober 1944 lässt sie die schlesische Gutsbesitzerstochter vom nahen Abitur, dem Konservatorium und einer Heirat mit dem Nazigetreuen Wolfgang von Brandt träumen. Blind für die Wirklichkeit um sie herum, ist sie überzeugt, dass Deutschland in diesem Krieg siegen wird. Dabei kündigt sich die Katastrophe längst an.
Dennoch wird Inge völlig davon überrascht: die Schule geschlossen und zu Hause alle Hals über Kopf geflohen. Plötzlich ist die im Luxus schwelgende Gutsbesitzerstochter auf sich allein gestellt und muss vor der Roten Armee nach Westen fliehen. Zu ihrem Glück gesellt sich Wanda zu ihr, das Polenmädchen, das keinesfalls den Russen in die Hände fallen will, auch wenn sie Verbündete sind. Zu schlecht waren die Erfahrungen der Polen mit ihnen. Von den Deutschen war sie aus Krakau zur Zwangsarbeit nach Schlesien verschleppt worden und auf dem Gut der Bakens gelandet.
Unterschiedlicher von Statur, Herkunft und Erfahrung könnten die beiden jungen Frauen nicht sein: Auf der einen Seite verwöhnte Prinzessin, auf der anderen die zur Knechtschaft gezwungene Polin, die weiß, wie man überleben kann. Eine spannende Konstellation, die dramaturgisch einiges hergibt. Es ist packend zu lesen und psychologisch überzeugend dargestellt, wie die vorgestanzten Rollen, Denkmuster und (Vor-)Urteile Schicht um Schicht abblättern, je weiter die jungen Frauen sich durch Eis und Schnee kämpfen, je grausamer die Erfahrungen, denen sie ausgeliefert sind. Bis sie einander als die Menschen begegnen, die sie sind. Ein Stück Zeitgeschichte aus einer interessanten Perspektive, vielschichtig und gut recherchiert.
– Jürgen Seidel: Blumen für den Führer. Mit Glossar. Cbj-Verlag, München 2010, 431 Seiten, 16,95 Euro. Ab 14.
– Gina Mayer: Die verlorenen Schuhe. Mit Glossar, Karte zum Fluchtweg und Interview mit einer Zeitzeugin. ThienemannVerlag, Stuttgart/Wien 2010. 380 Seiten, 18 Euro. Ab 14.
Autor: Anita Rüffer
