Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

20. November 2010

Die Gegendarstellung

Zum 100. Geburtstag: Tolstois "Kreutzersonate" und Sofja Tolstajas "Eine Frage der Schuld".

  1. Schwierige Ehe: Leo Tolstoi und Sofja Tolstaja Foto: Ullstein

Der 75 Jahre nach dem Tod Sofja Tolstajas im Nachlass gefundene Roman "Eine Frage der Schuld", aus Anlass der Kreutzersonate geschrieben, wie untertitelt ist, wirft ein neues Licht auf Tolstois Novelle. Was als Ehe- und Eifersuchtsdrama in die Weltliteratur Eingang gefunden hat, wird unter biografischen Gesichtspunkten auf andere Weise interessant. Herausgefordert durch Tolstois 1890 erschienene Novelle verfasste seine Frau Sofja eine Gegendarstellung des gemeinsamen Ehelebens. Erst hundert Jahre später in Russland veröffentlicht, liegt der Roman aus Anlass des heutigen 100. Todestages des Dichters in deutscher Übersetzung vor.

Erzählt wird die Geschichte von dem jungen Mädchen Anna, das den viel älteren Fürsten Prosorski heiratet. Schon kurz nach der Eheschließung erlischt das Interesse des Fürsten an seiner Frau. Die vertrauten Gespräche über Kunst und Literatur versiegen. Auch an seinen Kindern nimmt er keinen Anteil. Anna fühlt sich zum Objekt degradiert. "Sollte denn nur darin unsere weibliche Berufung bestehen, vom körperlichen Dienst für den Säugling zum körperlichen Dienst für den Mann überzugehen? Und das abwechselnd – immerfort! Wo bleibt denn mein Leben?" Erst im gelebten Ideal einer geistigen Beziehung zu einem todkranken Nachbarn, der sie nicht bedrängt, nichts von ihr fordert, erlebt Anna eine glückliche Zeit. Der Fürst verfolgt diese Freundschaft mit blinder Eifersucht und unterstellt seiner Frau, ihn zu betrügen.

Werbung


"Eine Frage der Schuld" ist Tolstajas literarische Antwort auf Tolstois "Kreutzersonate". In der Novelle ist die Konstellation ähnlich. Die Geschichte eines Mannes, der sich durch die Schönheit der Frau seiner unstillbaren Wollust ausgeliefert findet und in unbegründeter, dafür umso unbändigerer Eifersucht diese Frau ersticht, wird aus der Sicht des Fürsten erzählt. Die Zensurbehörde verbot den Druck. Sofja Tolstaja, die ihre Ehe dargestellt sah, hoffte, eine öffentliche Demütigung abwenden zu können. Sie erwirkte die Druckerlaubnis bei Zar Alexander III und demonstrierte so, dass sie das Frauenporträt nicht auf sich bezog. Diese Geste reichte ihr nicht. Sie begann ihre Version zu schreiben. Schon als Jugendliche hatte sie geschrieben, doch vor ihrer Heirat hatte sie diese Texte und ihre Tagebücher verbrannt. Sie wurde zur Assistentin ihres Mannes, schrieb Tolstois Texte ins Reine, kümmerte sich um die Veröffentlichungen und erzog nebenbei ihre dreizehn gemeinsamen Kinder. Mit fünfzig schrieb sie den Roman, der in wörtlicher Übersetzung unmissverständlich heißt "Wessen Fehl? Die Erzählung einer Frau (Anlässlich der Kreutzersonate Lew Tolstois. Niedergeschrieben von der Gattin Lew Tolstois in den Jahren 1892/1893)".

Soweit die biografischen Erhellungen. Seinen inneren Widerspruch zwischen Wollen und Ablehnung, zwischen Sinnenfreude, Bequemlichkeit, Erfolg und der Überzeugung von der Nichtigkeit dieser Eitelkeiten konnte Tolstoi bis zum Ende seines Lebens nicht auflösen. Die "Kreutzersonate" ist aber nicht nur Ausdruck seiner späten radikalen Ablehnung dessen, was er war und was er besaß, sie ist vor allem Ablehnung gesellschaftlicher Grundsätze. Einer dieser Grundsätze ist der bedingungslose Besitz der Ehepartner. Die Novelle stellt die Frage nach der moralischen Verwerflichkeit des Ehebruchs und nach dem Verhältnis von Lust und Verantwortung. Sie schildert Ehe, Familie und Sexualität auf eine Weise, die ausweglos verzweifelt pessimistisch ist. Im Strudel des Erzählens wird der Leser beinah hypnotisch dahin geführt zuzustimmen, dass die einzige Lösung aus dem Dilemma diejenige sei, jede Art geschlechtlicher Liebe, sei es vor, während, neben oder nach der Ehe zu verwerfen, um sich in letzter Konsequenz vor Zerstörung zu schützen.

In ihrer bitteren Kälte ist die "Kreutzersonate" das größere Kunstwerk von beiden. Schon zu Lebzeiten haben nicht nur religiöse Eiferer und vom Elend des Volkes zu Anarchismen angestachelte Sozialreformer auf Tolstois Novelle und seine Spätwerke reagiert. Auch auf zeitgenössische Schriftsteller wie Tschechow, später auf Autoren wie Max Frisch und Uwe Johnson war "Die Kreutzersonate" von großem Einfluss.
– Lew Tolstoi, Sofia Tolstaja: Die Kreutzersonate. Eine Frage der Schuld. Aus dem Russischen von Olga Radetzkaja und Alfred Frank. Manesse Verlag, 432 Seiten, 19,95 Euro.

Autor: Sabine Rothemann