Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

24. Februar 2011 00:00 Uhr

Franz-Xaver Kaufmanns Buch

Die Krise der katholischen Kirche

In seinem Buch "Kirchenkrise. Wie überlebt das Christentum?" gibt der bekannte Soziologe und engagierte Katholik Franz-Xaver Kaufmann Anstöße zu Aufbruch und Reform. Das Fazit des Autors: Die Kirche sei krank, aber überlebensfähig.

  1. Papst Benedikt XVI. Foto: dapd

Die Krise, in die die katholische Kirche geraten ist, ist inzwischen offenkundig, wird auch von führenden Repräsentanten wie dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, keineswegs bestritten. Das Öffentlichwerden sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Welt- und Ordenspriester und dessen Vertuschung wurde zugleich zum Ventil für die öffentliche Wahrnehmung und Artikulation auch anderer Krisensymptome der Kirche. So lässt sich der angemahnte und kirchlicherseits überwiegend auch gewollte "Aufbruch" nicht auf die Aufarbeitung des sogenannten Missbrauchsskandals begrenzen, er wird mehr zur Sprache bringen müssen.

Dazu kann das gerade in dritter Auflage erschienene Buch von Franz-Xaver Kaufmann, dem bekannten Soziologen und engagierten Katholiken, eine wichtige Hilfe sein. Bisher unter dem Titel "Wie überlebt das Christentum?" erschienen, trägt es nun den Haupttitel "Kirchenkrise". Es enthält ein neues umfangreiches Kapitel "Strukturschwächen der katholischen Kirche", in dem auf die gegenwärtige Kirchenkrise eingegangen wird. Dass diese in den Zusammenhang der allgemeinen Überlebensfrage des Christentums in der modernen Welt hineingestellt wird, legt den Blick frei auf das komplexe Umfeld kirchlicher und religiöser Existenz in einer durch Säkularisierung, Modernisierung und Individualisierung geprägten Welt. Kaufmanns Analysen gerade auch kirchlicher Strukturen und Verhaltensformen und davon ausgehender Wirkungen gehen in die Tiefe, bleiben nicht bei der Auflistung verbreiteten Unbehagens stehen, wie überwiegend das Memorandum der inzwischen mehr als 250 deutschsprachigen Theologen.

Werbung


Kaufmann diagnostiziert und kritisiert die sakrale Überhöhung der vorwiegend im 19. Jahrhundert ausgebildeten, stark auf einen römischen Zentralismus ausgerichteten, strikt hierarchisierten – dem politischen System des Absolutismus nicht unähnlichen – Organisation der Kirche, die eine Immunisierung gegenüber zunehmendem Veränderungsdruck bewirkt, die Katholiken von der Kirche als Institution zunehmend entfremdet und zur Hilflosigkeit insbesondere der Bischöfe gegenüber der Vergreisung der Klerikerkirche durch den dramatischen Abfall des Priesternachwuchses führt.

Den tieferen Grund dieser Hilflosigkeit sieht Kaufmann in der Abhängigkeit der Bischöfe von Rom und den dort oktroyierten universalen Rede- und Handlungsverboten im Hinblick auf die Gestaltung des Priestertums im 21. Jahrhundert. Hinzu treten für ihn die theologischen Barrieren gegen eine Umgestaltung der Kirchenverfassung und der Verwaltungsordnung der Kirche. Sie liegen in der weitreichenden Annahme eines ius divinum, das – von der Kirche als für sie unverfügbar angesehen – je nach Interpretation weit in das ius humanum ausstrahlt, für die Kurie ein probates Mittel, ihre eigene Autorität zu stärken und diskussionslosen Gehorsam einzufordern. Dem stellt der Soziologe entgegen, dass auch religiöse Institutionen von ihrer Umwelt geprägt werden und gerade die lateinische Kirche spezifische Eigenarten entwickelt hat, die bei den anderen, aus frühchristlichen Patriarchaten hervorgegangenen (unierten) Kirchen nicht so aufgetreten sind – ein starkes Argument gegen in Anspruch genommene divinatorische Unverfügbarkeit.

Der Umgang mit Sexuellem und Gewaltmissbrauch in der Kirche steht für Kaufmann in einem Wirkungszusammenhang mit der Kirchenstruktur. Der bis vor kurzem übliche, schon als systematisch zu bezeichnende Widerstand gegen die Aufklärung von klerikalen Missbrauchsfällen erklärt sich für ihn hinreichend erst aus der institutionell verwurzelten Sorge um das Ansehen der Kirche, ihre "Heiligkeit", der Vermeidung von Ärgernis um der Erfüllung ihrer Heilsaufgabe willen, und einer darauf bezogenen Kirchenräson. Eben deshalb wurden nicht nur vereinzelt, sondern im Regelfall Entscheidungen getroffen, die den ethischen Maximen der Bibel und den moralischen Ansprüchen der Kirche strikt zuwider laufen. Das betreffe vorab nicht einzelne sündige Menschen, sondern vorgesetzte Repräsentanten der Kirche, die Bischöfe und ihre unmittelbaren Helfer.

Kaufmann bedrückt besonders das Fehlen einer spirituellen Dimension in der Auseinandersetzung mit dem Skandal. Bekennen von Schuld ist etwas anderes als Einräumen von Fehlern. Sein Wunsch in dieser Hinsicht: Bischöfe, die ihre Diözesen zu einer Sühnewallfahrt für die Opfer, die Täter und deren Vorgesetzte aufrufen und an der Spitze ihrer Gläubigen zu Fuß dem Ziel der Wallfahrt zustreben.

Das Modell von Gebot und Gehorsam

Abschließend kennzeichnet Kaufmann die gegenwärtige Kirchenstruktur als "pathogene Hierarchie". Nach wie vor werde das Modell von Gebot und Gehorsam praktiziert, das keinen Raum für innerkirchliche Konfliktaustragung und -schlichtung lasse und so einer Opposition Schweigen auferlege oder sie in den Ungehorsam dränge. Kaufmann hält es sogar für wahrscheinlich, dass diese Umstände als größeres Hindernis für die Entscheidung zum Priestertum wirken als die Zölibatspflicht. In der Tat: Das Lebensprinzip der Kirche als Glaubensgemeinschaft beruht nicht auf dem Zusammenhang von Gebot und Gehorsam, sondern auf demjenigen von traditio und receptio, wobei bei der receptio auch eine Verweigerung nicht ausgeschlossen werden kann. Rückhaltlose Ganzhingabe, verstärkt durch Gehorsamsversprechen und Treueide, kann der Sinn priesterlicher und auch bischöflicher Existenz, zumal nach dem Durchgang durch die Aufklärung, nicht sein. Die Kirche bedarf dringend einer Kultur des freien Wortes.

Kaufmanns Fazit für die Kirche lautet: krank, aber überlebensfähig. Das ist nicht gerade ermutigend, anerkennt aber reale Chancen zur Überwindung der Krise. Diese aufzuweisen, ist das Ziel. Kaufmanns Buch ist nicht gegen, sondern für die Kirche geschrieben, aus einem engagierten sentire cum ecclesia. Aber es mag sein, dass die Kirche dies nicht bemerkt.
– Der Autor ist emeritierter Rechtsprofessor der Universität Freiburg und war von 1983 bis 1996 Richter am Bundesverfassungsgericht.
– Franz-Xaver Kaufmann: Kirchenkrise. Wie überlebt das Christentum? Herder Verlag, Freiburg i. Br. 2011. 200 Seiten, 14,95 Euro.

Autor: Ernst-Wolfgang Böckenförde