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04. Februar 2012
Die Lumpensammler
Walter Benjamin und Siegfried Kracauer in ihren journalistischen Essays, Kritiken und Rezensionen.
Walter Benjamin und Siegfried Kracauer lernten sich Ende 1922 während eines Frankfurt-Besuchs Benjamins kennen. Seit August 1921 gehörte Kracauer der Feuilletonredaktion der Frankfurter Zeitung (FZ) an. Benjamin arbeitete an seiner Habilitationsschrift "Ursprung des deutschen Trauerspiels", die er in Frankfurt einzureichen gedachte. Gerade hatte er Baudelaires "Tableaux parisiens" ins Deutsche übertragen. Mit einer positiven Kritik in der Frankfurter Zeitung hoffte er die Mitglieder der Fakultät zu beeindrucken. Doch der Rezensent Stefan Zweig, selbst Baudelaire-Übersetzer, ließ kein gutes Haar an Benjamin. Kracauer versprach "Wiedergutmachung". Tatsächlich besprach die FZ Benjamins Dissertation über den "Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik" überaus positiv. Benjamin wurde fester Mitarbeiter der Zeitung.
Seine Kritiken sind ebenso nachzulesen wie die Essays, Feuilletons und Buchbesprechungen Kracauers, die beinahe zeitgleich vom Suhrkamp Verlag in den jeweiligen neuen Werkausgaben herausgegeben worden sind. Die vier Kracauer-Bände umfassen 2980 Seiten und lassen erahnen, dass es sich um einen Mann handelte, der von morgens bis abends am Schreibtisch saß. Wenn man dazu das Repertoire seiner Themen betrachtet, muss man daran zweifeln, ob er je geschlafen hat. Er verfasste nicht nur unzählige Rezensionen über die literarische Moderne in Deutschland, Frankreich, den USA und der Sowjetunion und über wissenschaftliche Bücher aus Philosophie, Soziologie, Theologie und Architektur, sondern schrieb auch über städtische Topografien und massenkulturelle Events wie Kabarett, Revue und Varieté. Vor allem ging Kracauer ins Kino (seine Schriften zum Film sind in Band 6 der Ausgabe mit drei Teilbänden und 1750 Seiten versammelt). Filme waren für ihn Zeugnisse des Unterbewussten einer Gesellschaft.
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Eine neue Form des philosophischen Schreibens – ein aphoristisches, allegorisches, kontemplatives Schreiben – war auch Benjamin eigen, der nichts Geringers im Sinn hatte, als der beste deutsche Literaturkritiker zu werden. Auch seine Kritiken und Rezensionen haben zwei Teilbände mit gut 2000 Seiten ergeben, allerdings überwiegen die Kommentare des Herausgebers und Notizen aus dem Nachlass. Vorarbeiten, Fassungen, Varianten – nichts wird ausgelassen, um die Erinnerung an die Unabgeschlossenheit seines Werkes wach zu halten.
Dass Benjamin von Kracauer ab Mitte der 1920er Jahre mit Aufträgen versorgt wurde, war lebensnotwendig geworden. Die Frankfurter Universität hatte seine Habilitationsschrift zurückgewiesen, und Benjamin war nicht bereit, der Karriere wegen seinen unakademischen Denk- und Schreibstil zu verändern. Er war wie andere Intellektuelle seiner Generation darauf angewiesen, seine Produkte auf dem Markt zu verkaufen. Es ist kein Wunder, dass um 1924 herum eine ganze Reihe von Intellektuellen begann, Marx zu lesen. Vermittler waren Georg Lukács’ Abhandlung "Geschichte und Klassenbewusstsein" sowie Karl Korschs Schrift "Marxismus und Philosophie", die den Sozialphilosophen vorstellten und seine hegelianischen Wurzeln freilegten. Die auf den Markt geworfenen Kulturphilosophen ging die Kritik der Warenökonomie nun unmittelbar etwas an.
An Kracauers Texten kann man die materialistische Wende besonders gut nachvollziehen. Bis 1924 kann man noch Begriffe wie "geistige Umkehr" finden. Danach zählt nur noch ein dialektisch-materialistischer Denkstil, der sich deutlich vom parteiorthodoxen historischen Materialismus unterschied. Kracauer interessierte sich für "Oberflächenphänomene" wie die schwingenden Beine der Tiller-Girls. Solche Massenornamente seien der ästhetische Reflex der vom herrschenden Wirtschaftssystem erstrebten Rationalität. Kracauer und Benjamin philosophierten nicht über das Sein oder das Nichts. Sie interessierten sich für das Profane, das Periphere, das Ephemere und das Verlorene. Deshalb schrieben sie gern kleine Texte fragmentarischen Charakters. Und deshalb neigten sie zu allegorischen Ausdrucksformen, wenn sie über Gesellschaftliches räsonierten, und zu soziologischen Perspektiven, wenn sie sich als Kunstkritiker betätigten.
Benjamin und Kracauer wurden sich immer ähnlicher. Als Benjamin Kracauers Buch "Die Angestellten" (1930) besprach, lobte er Kracauers ethnologische Studie als "Geburt der Humanität aus dem Geiste der Ironie". Das Buch sei ein Markstein "auf dem Wege der Politisierung der Intelligenz". Dabei sei Kracauer weder Gründer noch Führer, sondern ein Einzelner, ein Missvergnügter, ein Spielverderber, "ein Lumpensammler frühe im Morgengrauen, der mit seinem Stock die Redelumpen und Sprachfetzen aufsticht, um sie murrend und störrisch, ein wenig versoffen, in seinen Karren zu werfen, nicht ohne ab und zu einen oder den anderen dieser angeblichen Kattune ,Menschentum‘, ,Innerlichkeit‘, ,Vertiefung‘ spöttisch im Morgenwinde flattern zu lassen. Ein Lumpensammler, frühe – im Morgengrauen des Revolutionstages."
Umgekehrt rühmte Kracauer in der FZ Benjamins Schriften "Ursprung des deutschen Trauerspiels" und "Einbahnstraße": "Mit Benjamin wird der Philosoph in die erhobene Mitte zwischen dem Forscher und dem Künstler gerückt". Seine denkerische Absicht sei, "jenen Prozess hier und dort zu verfolgen, der sich im Rücken der Dinge zwischen Himmel und Hölle abspielt und mitunter sichtbar in unsere Traumwelt einbricht". Theologische Absicht, dialektisch-materialistische Methode und der melancholische Blick des Allegorikers lüden ein zu neuem Blick auf Vergangenes: "Sein eigentlicher Stoff ist das Gewesene; aus den Trümmern erwächst ihm das Wissen. Hier wird also gar nicht die Rettung der lebendigen Welt in Angriff genommen, vielmehr der Meditierende rettet Bruchstücke der Vergangenheit." Benjamin bekundete "große Freude" an der Rezension.
Am Tag einer ganz anderen Revolution – 30. Januar 1933 – war klar, dass für beide kein Platz mehr in Deutschland sein würde. Beide gingen nach Paris in eine prekäre Zukunft. Für beide begann eine schlimme Zeit. Beide fanden nur noch spärlich Publikationsorte. Benjamin arbeitete an seinem Projekt der Pariser-Passagen, Kracauer an einer Biografie Jacques Offenbachs. Beide vertieften sich ins Paris des 19. Jahrhunderts, Hauptstadt der entstehenden Moderne, um die Katastrophe der Gegenwart zu verstehen. Beide hielten nun ihre Arbeiten voneinander geheim in der Angst, der Geistesverwandte könne Gedanken entwenden. Der Kontakt wurde spärlich.
Erst in Marseille, wohin beide nach dem deutschen Einmarsch nach Frankreich 1940 fliehen konnten, fanden sie wieder zusammen. In dieser Mausefalle, die von Anna Seghers in ihrem Roman "Transit" eindrücklich beschrieben worden ist, erneuerte sich der Austausch in Gesprächen. Beide wollten mit Adornos Hilfe nach Amerika. Benjamins Flucht endete im spanischen Grenzort Port Bou, als er den Freitod wählte, nachdem seine Fluchtgruppe nach Frankreich zurückgeschickt werden sollte. Kracauer gelangte nach New York und erlebte einen dritten Frühling. Er führte als Berater für amerikanische Stiftungen ein ziemlich sorgenfreies Leben und hatte die Möglichkeit, drei große Bücher zu schreiben. Es ist ein kaum zu überschätzendes Verdienst des Suhrkamp Verlags, diese beiden neuen Werke-Ausgaben ermöglicht zu haben.
– Siegfried Kracauer: Werke in neun Bänden: Band 5: Essays, Feuilletons, Rezensionen: Bd. 5 in 4 Teilbänden. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 2982 S., 112 Euro.
– Walter Benjamin: Werke und Nachlaß. Kritische Gesamtausgabe, Band 13: Kritiken und Rezensionen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 2000 Seiten, 98 Euro.
Autor: Jörg Später


