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23. Januar 2009

Die ungeheure Stille hinter den Sätzen

Der Schriftsteller und Grafiker Christoph Meckel erinnert sich an Begegnungen mit Marie Luise Kaschnitz / Lesung am Sonntag

  1. Die Dichterin Marie Luise Kaschnitz Foto: Keystone

  2. Christoph Meckel Foto: Merstetter

Sie: "die Dame", eine Instanz der deutschen Nachkriegsliteratur, "hoch geehrt durch Preise und Mitgliedschaften", eine Aristokratin in Wesen und Gebaren, eine Lyrikerin und Erzählerin aus jener Ära, in der das "Amt des Dichters" noch etwas galt. Er: ein junger Dichter, der das, was um 1968 "Establishment" genannt wurde, verachtet, unbekümmert um die Übereinkünfte der Konvention, bemüht, diesem Aufruhr Sprache zu geben – und also eine literarische Form.

Die Rede ist von Marie Luise Kaschnitz (1901 bis 1974) und von Christoph Meckel. Jetzt, wo Meckel selbst sich in einem "Zeitalter des Älterwerdens" bewegt, versucht er sich im Medium einer tastend rekonstruierenden, einer abwägend vergegenwärtigenden Prosa an einer "Erinnerung an Marie Luise Kaschnitz". Die Grande Dame zitierend, ist das schmale Bändchen "Wohl denen die gelebt" überschrieben –, abermals ein Suchbild, in dem die Konturen einer Persönlichkeit fassbar oder doch eher: ahnbar werden. Meckel skizziert, etwa vierzig Jahre danach, Gespräche und Begegnungen mit der "Dame", noch in der Erinnerung peilend zwischen Emphase und Distanz, Anteilnahme und "kühle(r) Entfernung", Verständnis und Verständnislosigkeit. Ganz offensichtlich beherrschte die Kaschnitz noch die "Kunst" des Gesprächs, das im besten Fall "überraschende Chance und profundes Vergnügen" sein konnte, das auch, im Wissen um die "ungeheure Stille hinter den Sätzen", das wortlose Einverständnis kannte: "Nichtgesagtes. Antwortlosigkeit." Und das im schlimmsten Fall auf eine Entfremdung zutrieb, an der die Worte abprallten: "Zunehmendes Unverständnis. Entgeisterung. Warum erzählen Sie das."

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"So fand ich in ihrer Prosa nicht das Motiv, das ich suchte, aber unzählige Sätze, Szenen, Miniaturen, die den Kindern, der Kindheit, der eigenen oft, in bezaubernder Weise Sprache geben." Meckels Aufzeichnungen sind bis in die feinsten Verästelungen der Sprache hinein in besonderer Weise geerdet: Der Text entstand im Januar und Februar 2008 in einem alten Schwarzwaldhof im Leimbachtal nahe Bollschweil, eine Region, deren Topographie die Kaschnitz in ihrer berühmten "Beschreibung eines Dorfes" beschwört. Meckel sondiert dieses Gelände, das ein Terrain absteckt aus der realen wie imaginären Landschaft der Kindheit – "der eigenen oft".

"Sie wusste, was sie sagte, aus der Niederauffahrt ihrer Jahrzehnte und ihres Schmerzes . . ., ich wusste, was ich sagte, aus unverbrauchter Revolte": Biographische Erfahrung und erlittenes Schicksal auf der einen, radikale Skepsis und existenzieller Widerspruch auf der anderen Seite, ein "unvergleichbare(s) Dasein", Differenz der Generationen, der Herkünfte, der Lebensarten, der ästhetischen Umsetzung, des Stils, der Kunst.

Und doch vermittelbar, erstaunlich genug. Kaschnitz und Meckel, grundverschieden, fast Antipoden, finden eine Art archimedischen Punkt, der für beide, jenseits aller "Persönlichkeitsgeräusche", einen poetischen Kosmos bestimmt – und in ihm ein unverwechselbares Zentrum: Es ist, pathetisch gesagt, die Wahrheit der Dichtung. Meckel findet dafür, im Kommentar zu einem Kaschnitz-Gedicht, eine Formel von fast bestürzender Prägnanz: "Die Verse sind wahr auf nur einmal mögliche Weise." Auf eben diese Weise ist auch Meckels eigener Text – wahr.
– Christoph Meckel: Wohl denen die gelebt. Erinnerung an Marie Luise Kaschnitz. Mit sieben Graphiken des Autors. Libelle Verlag, Konstanz und Lengwil 2008. 64 Seiten, 16,90 Euro.
– Der Autor liest am 25. Januar um 11 Uhr im Georg-Scholz-Haus in Waldkirch .

Autor: Hartmut Buchholz