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30. Januar 2010
Ein Leben im Horrorfilm
Auf der postmodernen Geisterbahn: Helene Hegemanns Debütroman "Axolotl Roadkill" / Von Bettina Schulte
Das Axolotl sieht doch total süß aus. Es entspricht dem Kindchenschema. Runder Kopf, weit auseinander stehende Knopfaugen, kurze hilflose Gliedmaßen. Es sieht genau danach aus, was es biologisch ist: nicht erwachsen. Forever young, wovon die Beatgeneration mit Nachhall bis heute geträumt hat. Dieser kleine mexikanische Schwanzlurch verlässt sein Larvenstadium nie. Deshalb ist er das Wappentier von Mifti. Die "drogenabhängige Minderjährige mit Reflexionsvermögen", vor drei Jahren von Bochum nach Berlin gezogen, schreibt, sie sei "sechzehn Jahre alt und momentan zu nichts anderem mehr in der Lage, als mich trotz kolossaler Erschöpfung in Zusammenhängen etablieren zu wollen, die nichts mit der Gesellschaft zu tun haben, in der ich zur Schule gehe und depressiv bin". Helene Hegemanns Debütroman heißt "Axolotl Roadkill". Roadkills – so viel zum zweiten Teil des Titels – sind angefahrene Tiere im Zwischenstadium von Leben und Tod. Sie schreibe wie ein Roadkill, sagt der Halbbruder Edmond einmal zu Mifti.
Da ist was dran. Helene Hegemanns Buch zu lesen ist wie Fahren in einer postmodernen Geisterbahn mit Splattermovie-Effekten. Überall strecken einem Monster und Zombies ihre grinsenden Grimassen hin, watet man durch Lachen von Blut und Kotze und Sperma, wird man brutal vergewaltigt und einem die Haut vom Rücken abgezogen. Und das soll das Leben sein? Helene Hegemann ist 17 (demnächst 18), hat schon ihr bemerkenswertes Filmdebüt ("Torpedo", Max-Ophüls-Preis 2009) hinter sich und wird – eine junge Frau bricht in das bisher den angry young men vorbehaltene soziale Muster ein – jetzt gefeiert wie der junge Jörg Fauser, der junge Rainald Götz, der junge Lautréamont oder der junge Rimbaud, der einen Satz geprägt hat, den auch Helene Hegemanns Heldin unterschreiben kann: Je est un Autre. Ich ist ein Anderer. "Ich wollte aufhören zu denken, weil Wörter bedeutungslos waren, weil Bedeutungslosigkeit bedeutungslos war, weil das Leben nichts wert war, weil meine komplette Physiognomie Teil des in sich stimmigen Organismus eines belebten Himmelskörpers ist, von dem ICH mich aber abgrenze."
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Man könnte diese Mifti-Hegemann-Sätze seitenlang zitieren: mit einer Mischung aus Bewunderung für die beängstigend überintelligente Reflexionsfähigkeit dieser im Kopf schon so alten Heranwachsenden, Befremden über die großkotzige Abgebrühtheit, mit der hier die großen Fragen von Leben und Tod abgehandelt werden, und Faszination für die rebellische Kraft dieser Prosa.
Durchtränkt von Hass und Wut, zugleich aber, das ist das zeitgemäß Generationstypische daran, mit verdammt gut geölter Selbstdistanzierungsbremse ("Glauben Sie ernsthaft, dass ich mir die behauptete Dringlichkeit abnehme von all dem halbspießigen Bullshit, den ich innerhalb der letzten acht Monate geschrieben habe?") lehnt sich diese Nomadin in der Metropole auf der Suche nach der Intensität des Lebens auf gegen das Funktionieren in einer unter anderem von "linken durchsetzungsfähigen Arschlöchern überdurchschnittlichen Einkommens" dominierten Welt. Ein solches Arschloch ist Miftis Vater, der sich mit fragwürdigen Kunstprojekten und wechselnden Gefährtinnen in der Berliner Boheme festgesetzt hat; entfernte Ähnlichkeiten mit Helene Hegemanns intellektuellem Hard-core-Vater Carl Hegemann, der in Freiburg – wo die Tochter 1992 geboren wurde – seine Karriere als Dramaturg begann und dann an der Berliner Volksbühne in enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur Frank Castorf das postdramatische Theater zu seinen größten Blüten führte, sind nicht auszuschließen.
In seiner furchterregenden Eloquenz ist "Axolotl Roadkill" das Produkt einer Vatertochter. Sie hat sich, irre belesen wie sie sein muss, den Diskurs der Postmoderne, in dem der Igel den Hasen immer schon überholt hat, perfekt angeeignet. "Ich bin ein misshandelter Teenager. Meine Schwester als einfühlsame Interpretin kann ohne weiteres eine zutiefst traumatisierte, hyperintelligente, vom rechten Weg abgekommene Person in mir erkennen, die den berühmten stummen Schrei nach Liebe / Hilfeschrei vom Rand des Abgrundes aussendet. Ich hingegen erfreue mich an der von mir perfekt dargestellten Attitüde des arroganten, misshandelten Arschkindes, das mit seiner versnobten Kaputtheit kokettiert und die Kaputtheit seines Umfeldes gleich mit entlarvt." Das erspart dem Kritiker viel Arbeit. Auf der anderen Seite bildet dieser Satz in seiner Kippbewegung in aller Deutlichkeit die ambivalente Haltung der Ich-Erzählerin ab: Sie ist Opfer und Täterin zugleich, die das Opfer perfekt spielen kann – und dabei gewinnt man den Eindruck, dass sich hier eine sehr verwundete und deshalb sehr verletzliche Seele schützen muss vor einem Übermaß an Ausgesetztsein.
Denn in Miftis Leben gibt es nicht nur den Arschloch-Vater, der sich im übrigen in freundlich desinteressierter Entfernung von der Tochter hält. Es gab auch eine Mutter. "Ich bin wild aufgewachsen und ich will wild bleiben": Das ist der Leit- und Bekenntnissatz des selbstredend nicht vorn im Buch platzierten Vorworts. Die alkoholkranke Mutter, ein kotzendes Wrack, Hartz-IV Empfängerin, aber im Chanelkostüm, ist die Leerstelle in der Sprachmaschine des Romans: sein ausgesparter heißer Kern von Hassliebe. "Das war natürlich eine ziemlich große Katastrophe, wie du da in der vollgepissten Jeans aus dem Vorderfenster zu anderen Straße hinübergeguckt hast und drei Stunden später tot warst". Hinter dem Gleichmut dieses Satzes klafft der ganze Schmerz einer Kindheit auf, die nie eine war und mit 13 abrupt endete – und über die man nichts erfährt, außer dieser einen schrecklichen Episode: Einmal, da ist Mifti gerade zehn, steht sie vor verschlossener Wohnungstür. Die verzweifelte Panik eines Kindes, das glauben muss, die Mutter sei tot, versteckt sich nur notdürftig hinter dem – sei allen Enttäuschungen voran! – total abgeklärten Jugendjargon der Nuller Jahre ("ha ha, Heroin, wie out ist das denn?"), den Helene Hegemann mit diesem Buch literaturfähig gemacht hat.
Wohl deshalb verliebt sich ihre Protagonistin in die wesentlich ältere Alice, eine mit den (durchaus auch von der wohlstandsverwahr-losten Mifti geschätzten) Luxusgütern des Kapitalismus – Mercedes mit Ledersitzen, Donna-Karan-Tasche – gesegnete DJ. Sie ist das unerreichbare Objekt eines heftigen Begehrens. Für dessen Ersatzbefriedigung muss Ophelia herhalten, mit der Mifti in der Kultdisco Berghain gemeinsam aus einem Cocktailglas trinkt und SMS schreibt. Die Drogen, von denen ausschweifend viel die Rede ist, sind vermutlich nichts anderes als Metaphern für die berückend in Sprache gefassten Dissoziationserlebnisse der Tagebuchschreiberin. "Es geht um meine Wahnvorstellungen." So fordert man Autarkie ein. Der Preis dafür ist hoch: Angstzustände und ein existenzielles Unbehaustsein, das über den Mangel an familiärer Geborgenheit womöglich weit hinausgeht. "Nur nach Hause, denke ich": Dieser Satz gehört zu den traurigsten in dieser wütenden literarischen Selbstbehauptung. "Schreckliche Leben sind der größte Glücksfall": Fürs Schreiben, wenn solch nachtschwarz funkelnde Prosa dabei herauskommt, allemal.
– Helene Hegemann: Axolotl Roadkill. Roman. Ullstein Verlag, Berlin 2010. 203 Seiten, 14,95 Euro.
Autor: Bettina Schulte


