Eine ganze Reihe von Absprachen

Thomas Schaefer

Von Thomas Schaefer

Sa, 22. November 2014

Literatur

Edward St Aubyns Literaturbetriebssatire "Der beste Roman des Jahres" ist zumindest der lustigste.

Die Prämierungsernte des Jahrgangs 2014 ist eingefahren: Wer jetzt keinen Literaturpreis hat, kriegt keinen mehr und muss sich auf das nächste Jahr vertagen. Dass Edward St Aubyn in seiner Heimat nicht als preiswürdig erachtet zu werden scheint, könnte sein Roman "Muttermilch" erklären. Er ist Teil der Patrick-Melrose-Saga, eines Zyklus von fünf Romanen, in denen der Autor eine besondere Quadratur des Kreises gelang: die Kombination britischen Humors mit einer an Bitterkeit kaum zu überbietenden Geschichte. Der 1960 geborene St Aubyn entstammt einer Upper-Class-Familie, die sich der Devise, dass Adel verpflichtet, nicht verpflichtet fühlte. Als kleiner Junge wurde St Aubyn von seinem Vater vergewaltigt, die Mutter interessierte sich mehr für alkoholische Getränke als das Los ihres Sohnes. Dass sich dieser durch die Enthüllung seines Kindheitstraumas frei schrieb, hat den englischen Hochadel wenig amüsiert.

Wer im neuen Roman den vertrauten Zynismus St Aubyns erwartet, wird enttäuscht. Zwar unternimmt St Aubyn etwas, wozu sich viele Autoren irgendwann verführt sehen: die lustvolle Aufarbeitung der ernüchternden Erfahrungen, die man im Karriereverlauf mit dem Literaturbetrieb gemacht hat. Doch gerät sein Roman überraschend brav. St Aubyn schildert konventionell, aber sehr klamaukig, wie sich unter Führung des mediokren Politikers Malcolm Craig eine Jury konstituiert, um den "Elysia Preis" zu vergeben. Allein ihre Zusammensetzung garantiert satirischen Spaß, präjudiziert aber auch, dass der Preis eine Farce ist. Denn es sind auf keinen Fall fachliche Aspekte, die Ausschlag geben, wer in die Jury kommt. Dass es Leute sind, die von Literatur keine Ahnung haben und Bücher "infolge einer ganzen Reihe von Absprachen" auf die Shortlist hieven, behindert die Kür weniger als das Genörgel des einzigen kompetenten Mitglieds: Die Literaturwissenschaftlerin Vanessa Shaw, die "auf einschüchternde Weise ihre Intellektualität zur Schau" stellt und räsoniert, ob ein Text konstruiert oder dekonstruiert ist, wird natürlich überstimmt. Bitter ist das allenfalls für naive Autoren, die sich Hoffnungen machen mit Texten unterschiedlicher Genres, die St Aubyn genüsslich parodiert – und die kein Jurymitglied gelesen hat. Kein Wunder, dass am Ende keiner von ihnen den Preis ergattert, sondern eine alte Dame für: ein Kochbuch. Bleibt die Frage, warum man sich als Außenstehender für Interna, wie St Aubyn sie hart am Klischee karikiert, interessieren soll. Weil auch dieses Buch handwerklich bestens angerichtete Unterhaltungsliteratur ist. "Lost for Words" (so der Originaltitel) ist nicht der beste, aber vielleicht lustigste Roman des Jahres. Das sah schließlich doch noch eine Jury ein: Das Buch wurde mit dem Bollinger Everyman Wodehouse Prize ausgezeichnet, dem britischen Literaturpreis für komische Literatur. Es geht doch.
– Edward St Aubyn: Der beste Roman des Jahres. Aus dem Englischen von Nikolaus Hansen. Piper Verlag, München 2014. 253 Seiten, 16,99 Euro.