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14. Januar 2012

"Ich war am Ende meiner Kraft"

Der große japanische Schriftsteller Akutagawa Ryunosuke in einer Auswahl von Erzählungen und Prosatexten.

  1. Akutagawa (1892 – 1927) Foto: bz

D ie Fluten des Sumida" ist der erste literarische Text des japanischen Schriftstellers Akutagawa Ryunosuke überschrieben. Der Name des "großen Flusses" bezeichnet den Unterlauf des Arakawa bis zur Mündung in der Bucht von Tokyo. In einer stilistischen Mischgattung von Ich-Erzählung, Beschreibung und Essay zeichnet Akutagawa die Landschaft seiner Kindheit nach, das Paradox einer fließenden Welt, die zur Heimat geworden ist, ohne ein Zuhause sein zu können."Der Anblick des Sumida gibt mir, der ich selbst in meinem stillen Studierzimmer stets grundlos nervös und angespannt bin, beinahe unerträglich unruhig und schwankend in meiner Stimmung, das schmerzlich sehnsüchtige Gefühl, nach einer langen Reise endlich wieder in der Heimat angekommen zu sein. Die Fluten des Sumida versetzen mich zurück in die reinen Empfindungen von einst".

Mit einer Überdosis

Veronal in den Tod

Diese Empfindungen sind trostreich und zugleich wehmutsvoll: "Ich weiß nur, dass mich seit jeher schon beim Anblick des Flusses ein unbeschreibliches Gefühl von Trost und Einsamkeit erfüllt, das mich beinahe weinen macht – ganz so, als triebe ich hinweg von der Welt, in der ich lebte, und kehrte ein in ein Reich von Sehnsucht und Erinnerung. Für dieses Gefühl, für den Trost und den Frieden, den er mir spendet, liebe ich den Fluss über alles." Der Fluss kennt keinen Schlaf. "Das Ziel seiner unaufhörlichen Bewegung aber scheint eine unergründliche ,Ewigkeit’ zu sein, die weder Anfang noch Ende kennt." Und doch mündet sie in das "schwarze" Gefühl des Todes: "Eines Abends, an Bord eines Fischerbootes auf nächtlicher Fahrt, verspürte ich beim Blick in die lautlos fließenden schwarzen Wellen plötzlich den Hauch des in der Finsternis und den Wellen schwebenden ,Todes’ und wurde überwältigt von einer unsagbaren Einsamkeit".

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Akutagawa ist noch nicht einmal zwanzig Jahre alt, als er in die Fluten des Sumida eintaucht. Am ersten März 1892 wird er als Sohn eines Milchhändlers in der Tokyoter Unterstadt geboren. In einem grausamen symbolischen Akt wird das Kind "ausgesetzt", weil seine Geburt nach dem Glauben der Eltern angeblich in ein "unglückliches Jahr" gefallen ist. Wenige Monate später wird die Mutter wahnsinnig. Bei Verwandten wächst der selber lebenslang von Wahnsinns-Ängsten gepeinigte Junge auf. Im Alter von zwölf Jahren wird er offiziell von den Verwandten adoptiert. Er erhält Unterricht in klassischem Chinesisch, studiert Anglistik, wird Sprachlehrer, Journalist. Literarisch sucht er den Kontakt zu berühmten zeitgenössischen japanischen Autoren wie Tanizaki Junichiro, Natsume Soseki und Mori Ogai, wendet sich aber auch den großen europäischen Dichtern der Epoche, Ibsen und Strindberg, Baudelaire, Turgenjew, Dostojewskij, Poe, Maupassant, Wilde und Hofmannsthal zu. Akutagawa hat früh Erfolg. Aber die "schwarze" Gestimmheit bleibt. Er wird einer der außergewöhnlich zahlreichen Suicidanten der japanischen Literatur. Am 23. Juli 1927 geht er, während seine Frau und die drei kleinen Söhne im selben Raum schlafen, mit einer Überdosis Veronal in den Tod. Der bedeutendste japanische Literaturpreis, 1935 gestiftet, trägt Akutagawas Namen.

Die 21 Erzählungen und Prosatexte aus allen Schaffensphasen, die Armin Stein ausgewählt und erstmals ins Deutsche übertragen hat, sind geeignet, das Bild von Akutagawa, das durch seine berühmteste Erzählung "Rashomon" und Akira Kurosawas Verfilmung geprägt war, zu erweitern und zu verändern. Die Texte geben die Vielfalt, aber auch die Heterogenität seines Lebenswerks wieder, das neben kritischer Publizistik Elemente des Symbolismus, der klassischen – kafkaesken – Moderne, aber auch einer phantastischen schwarzen Romantik umfasst. Man rechnet Akutagawa zu den "Stilisten" zwischen Naturalismus und Ästhetizismus, auch zur Schule der "Intellektuellen", die an der japanischen Tradition festhält, ohne sich westlichen Einflüssen zu entziehen. Man kann ihm die unterschiedlichsten Etikette anheften. Er ist ein Autor voller Gegensätze. Dementsprechend extreme Reaktionen hat er provoziert. Seine Themen sind von autobiographischen, psychologischen, zeitkritischen, historischen bis zu religiösen, mythologischen, phantastischen Sujets weit gespannt. Stilistisch werden realistische und satirische Formen mit surrealistischen, grotesken, absurden, aber auch legendarischen und melodramatischen verbunden. Am eindrücklichsten ist die Prosa der Kurztexte in den "Erinnerungen", der Chronik seiner Kindheit und Jugend, den "Notizen aus Kugenuma", den brillanten skizzenhaften "Muschelschalen" und dem letzten großen Text dieser Sammlung, der sich unter dem Titel "Der Mann (der Mensch) aus dem Westen" mit Akutagawas eigenwilliger Christuskonzeption befasst.

Akutagawa ist ein Meister der Kürze wie nach ihm wohl nur noch der erste japanische Nobelpreisträger – und Suicidant – Kawabata Yasunari mit seinen "Handtellergeschichten". Lakonisch beginnt Akutagawas Erzählung "Der Traum": "Ich war am Ende meiner Kraft". Und eine der "Notizen aus Kugenuma" endet: "Ich sterbe vom Kopf her allmählich ab." Die autobiographischen Hintergründe sind stets präsent. Die für die japanische Literatur des 20. Jahrhunderts so wichtige Form der Ich-Erzählung, des "Shishosetsu", scheint fast überall durch. Mit den "Bildern der fließenden Welt", wie die japanische Tradition des Farbholzschnitts sie so eindrucksvoll konturiert hat, verbindet sich das "Shishosetsu" bei Akutagawa zu einer spannungsvollen, sehr persönlichen Einheit.

Die Erzählung "Das Findelkind", 1920 entstanden, versucht, das kindliche Trauma des Ausgesetztseins zu bewältigen mit dem Bild eines Abts, der zum väterlichen Vater wird, und der Legende von einer mütterlicheren "Lotosdame", deren schöne Brüste imstande sind, nicht weniger als fünfhundert Münder zu stillen. Die Identität des Autors wird geklärt: "Das Findelkind bin ich." Die Gefahren des "Shishosetsu", eine allzu große Ich-Bezogenheit mit einem weit getriebenen Narzissmus, werden öfters deutlich. Eindrucksvoll hingegen der fast prophetisch inspirierte Text "Kälte". Akutagawas "Alter Ego" Horikawa Yasukichi begegnet den blutigen Spuren dessen, was die Sprachregelung der Eisenbahngesellschaften einen "Personenunfall" nennt. Kurz nach der Niederschrift wirft sich Akutagawas Schwager vor einen Zug. Er selber wird zwar, anders als etwa Mishima Yukio, der sich nach der grausamen Tradition des "Seppuku" den Bauch aufschlitzt, mit Veronal einen unblutigen Weg gehen. Es bleibt aber die Empfindung einer tödlichen Weltkälte, die auch durch gutgemeinte, humoristisch aufgelockerte physikalische Lektionen nicht erwärmt werden kann: "Yasukichi saß auf einem Stuhl im Zimmer der Physiklehrer und betrachtete das Feuer im Ofen. Als atme das Feuer, züngelten immer wieder gelbe Flammen hoch, nur um zu schwärzlicher Asche zu vergehen. Es wirkte wie ein verzweifelter Kampf gegen die im Zimmer herrschende Kälte. Yasukichi musste plötzlich an die den Erdball umgebende kosmische Kälte denken".

Immerhin gibt es in der Physik das "Prinzip der Wärmeübertragung": "Treten zwei physikalische Körper von unterschiedlicher Wärme miteinander in Kontakt, so überträgt sich die Wärme des Körpers mit der höheren Temperatur auf den anderen, bis beide die gleiche Temperatur angenommen haben." So trivial das anmutet, lässt dieses Prinzip wenigstens für das Verhältnis der Geschlechter hoffen: "Nehmen wir einmal an, eine Frau sei ein physikalischer Körper. Wenn eine Frau ein physikalischer Körper ist, dann ist ein Mann es natürlich auch. Mit Liebe nun verhält es sich genau wie mit Wärme. Treten Mann und Frau in direkten Kontakt, wird Liebe übertragen wie Wärme, nämlich vom hitzigen Mann auf die kühle Frau, und diese Übertragung dauert an, bis beider Liebesgefühle sich angeglichen haben." Doch das Prinzip der Wärmeübertragung kippt bei Akutagawa in eine universelle Kältelehre. Dass "die Wärmeübertragung zwischen Autor und Lesern einfach nicht zustande kommen" will, mögen beide ertragen. Beim "Personenunfall" aber hat sich "die im Blut pulsierende Wärme des Lebens gänzlich auf den kalten Stahl der Schienen übertragen".

Die Empfindung einer

tödlichen Weltkälte

Die Fluten des Sumida scheinen mit ihrer Verbindung von Trost und Einsamkeit, Sehnsucht und Trauer eine bekömmlichere Botschaft zu verheißen. Doch das Bild des Flusses, das der Erzähler 1927, vier Jahre nach dem Erdbeben von Tokyo, zeichnet, ist das einer industriellen Kloake, verschlammt zwischen Elendshütten, verfallenen Tempeln und Großbaustellen. Auf seinem Weg in den Tod wendet sich Akutagawa der "Philosophie der Erlösung" des Schopenhauer-Schülers und Suicidanten Philipp Mainländer zu, in seinen nachgelassenen Texten der Gestalt eines Christus, der "nach Jerusalem ging, um gekreuzigt zu werden". Akutagawa empfindet diesen Christus als Geistesverwandten. Eine erstaunliche Deutung für einen Autor, der in der Erzählung "Das Lächeln der Götter" einen portugiesischen Missionar im Land der Sonnenkönigin Amaterasu mit der Botschaft konfrontiert: "dein Gott mag in diesem Lande angekommen sein, siegen aber wird er nicht." Mit dem in den späten Texten allgegenwärtigen Nietzsche zitiert Akutagawa die Nachricht vom Gottestod:"Der große Pan ist tot." Pan, der tote Gott der Fluten und Flüsse.

– Akutagawa Ryunosuke: Die Fluten des Sumida. Ausgewählte Erzählungen und Prosa. Aus dem Japanischen übertragen und mit einem Vorwort und Anmerkungen versehen von Armin Stein. Iudicium Verlag, München 2010. 214 S., 12,80 Euro.

Autor: Ludger Lütkehaus