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06. April 2013 00:00 Uhr

Ex-Jugoslawien

Ismet Prcics "Scherben": Kriege gewinnt man nicht

Wenn Todesurteile als beflissene Amtshandlungen maskiert sind: Ismet Prcics Roman "Scherben" ist die Biographie eines psychischen Verfalls in Zeiten des zerfallenden Jugoslawien.

  1. Entkommen kann man der Hölle nicht: Gedenkstätte für die Opfer des Massakers von Srebrenica Foto: afp

  2. Ismet Prcic Foto: Melissa Prcic

Dr. Cyrus "brachte mich auf die Idee, meine Erinnerungen aufzuschreiben. Ich habe ihn gefragt, was ich schreiben soll, damit die Therapie funktioniert, und er sagte: Schreiben Sie alles auf. Ich hab gefragt, wo ich anfangen soll und er sagte: am Anfang". Schreiben als Selbstvergewisserung, als therapeutischer Vollzug, als Versuch, der Erinnerungen habhaft zu werden, indem man sie im Medium der Sprache fixiert – ein gutgemeinter psychiatrischer Ratschlag, der hier freilich nicht verfangen kann. "Scherben", der Titel von Ismet Prcics verstörendem Romandebüt, deutet an, dass eine derart fragmentierte Biographie wie die hier präsentierte durch kein erinnerndes und damit rekonstruierendes Schreiben quasi nachträglich gekittet werden kann.

"Scherben" – die amerikanische Originalausgabe erschien 2011 in New York – arrangiert in Tagebuchauszügen und Notizbüchern eine gewaltige Textcollage, gezirkelt um die Biographie eines Kriegsversehrten; lineare Chronologie, stringente Logik, inneren Zusammenhalt kann es in dieser Biographie eines psychischen Zerfalls nicht geben. "Die Gegenwart war verworren. Sie war zersplittert und durcheinander. In Scherben zerbrochen, pulverisiert, verwirbelt." Die Textscherben dieses grandiosen Romans prägen selbst Typographie, Satzspiegel und Druckbild – ein Mosaik aus Fließtext, Kursivierungen, Einrückungen und monströsen Großbuchstaben ("Wumm!"), die den Leser regelrecht anspringen. Ismet Prcic, 1977 in Tuzla, Bosnien-Herzegowina, geboren, baut keine Ich-Figur auf, sondern einen Romanhelden, der seinen Namen trägt: Man wird, auch wenn sich das genaue Verhältnis aus Dichtung und Wahrheit nicht bestimmen lässt, von einer sehr ausgeprägten Identifikation des Autors mit seiner Figur ausgehen dürfen. Ein junger Mann, ein bosnischer Muslim namens Ismet Prcic, verlässt seine kriegsverwüstete Heimat, landet mit einer Schauspieltruppe im schottischen Edinburgh, wird via London nach Zagreb ausgeflogen, erhält ein Visum für die USA, kommt in New York an, gelangt dann nach Los Angeles…

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Kafkas Einsicht, dass "die Fesseln der gequälten Menschheit aus Kanzleipapier" sind, findet sich in "Scherben" aufs Gespenstische bestätigt. Ein Reisepass kann ein Überleben ermöglichen, indem man dem Inferno eines Krieges entgeht, umgekehrt kann ein eingezogener Reisepass ein Todesurteil bedeuten; selten ist das bürokratische Labyrinth aus Aufenthaltsgenehmigungen und Ausweisungen, aus Visa und Transitvisa, aus Stempeln und Sichtvermerken in seiner ganzen Willkür und Erbarmungslosigkeit so präzise gespiegelt worden wie in diesem Roman, zugespitzt zu Szenen von existenzieller Bedrohung – Todesurteile, maskiert als beflissene Amtshandlungen.

Der therapeutische Effekt stellt sich nicht ein

Das zerfallende Jugoslawien, Gräuel und Massaker des Bosnienkrieges, das Wüten der Soldateska sind in diesem Buch zwar als historische Folie präsent, dennoch imaginiert Prcic – besonders in jenen Sequenzen, in denen die "Apachen" genannten jugendlichen Heroen die Szenerie des Krieges beherrschen – das blutrünstige Schlachtengetümmel als kollektive Verrohung. Die Traumata des Krieges fressen sich bis in die Obsessionen der Syntax, bis in das Stakkato dieser atemlosen Satzkaskaden: "Du hast auch noch andere Sachen gesehen: abgehackte Köpfe an selbstgezimmerten Torpfosten, Ketten aus Menschenohren, schwanzlose, zahnlose, brustlose, hodenlose, nasenlose, augenlose, fingerlose, armlose, kopflose, beinlose, bepisste, verschissene, angespritzte, zersägte, durchstochene, abgefackelte, niedergemetzelte, verschandelte Leichen von Männern und Frauen, die du kanntest."

Dieser Hölle ist der Protagonist nicht wirklich entkommen, auch und gerade nicht im kalifornischen Paradies. In Bosnien hat er Freundin, Eltern und Bruder zurückgelassen, in den USA zerbricht seine Liebe zu Melissa, der therapeutische Effekt des die Erinnerungen bannenden Schreibens will sich nicht einstellen, Fakten und Fiktion lassen sich nicht trennen, verschränken sich vielmehr zu einer "Erzählung unseres Lebens": "Ich versuchte, mich an die Fakten zu halten. Aber während ich schrieb, schlichen sich andere Sachen ein – kleine erfundene Geschichten. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, wollte sie rausstreichen, aber irgendwie wurde die Erzählung dadurch weniger wahr. Also nahm ich sie wieder rein und die Geschichte wurde wahrhaftiger, allerdings stimmte sie nicht unbedingt mit meinen Erinnerungen überein, jedenfalls nicht in allen Details."

In diesem Sinne "wahrhaftiger" wird die Geschichte durch Mustafa, ein Alter Ego von Ismet, eine Art Zwillings-Ich, ein Name und eine Figur für die von Ismet abgespaltene Existenz, für jenen Teil seiner Person, die der Flüchtling in Bosnien zurückgelassen hat. Mustafa entkommt diesem Krieg nicht, sein Schicksal, das sich wie ein Schatten über Ismets amerikanische Existenz legt, wächst immer mehr zur Heimsuchung an, verdrängen lässt es sich nicht, beschwören schon, in immer neuen Tableaus des Entsetzens. Kriege gewinnt man nicht, und Kriegen entgeht man nicht, auch nicht durch Flucht – "Scherben" illustriert dies mit einer wuchtigen, suggestiven Prosa, mit kühnen, oft schmerzhaften Bildern, mit einer ambitionierten Montagetechnik und nicht zuletzt mit anrührenden Charakteren. "Die launische Zeit, die mal tröpfelte, mal dahinraste", diesen Tempi der launischen Zeit gibt Prcic Form und Struktur – in einem stupenden Arrangement der verschiedenen Zeitebenen, in einer souveränen Regie über Erzählzeit und erzählte Zeit.

"Wie wehrt man das Gedankengewimmel ab, das Geschnatter im Hirn?" Dieses bemerkenswerte Debüt transponiert eine Lektion in Literatur: Traumatische Vergangenheit lässt sich nicht bewältigen, die Gegenwärtigkeit von (Kriegs-)Geschichte manifestiert sich in den Scherben eines zersprungenen Ich.

– Ismet Prcic: Scherben. Roman. Aus dem Amerikanischen von Conny Lösch. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 446 Seiten, 21,95 Euro.



Autor: Hartmut Buchholz