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19. Dezember 2009
KRIMINALROMANE: Der brave Polizist Joe
Englische Milieustudie, österreichischer Provinzkrimi
Zum Jahresende zwei randständige Kriminalromane, die in keiner Bestenliste auftauchten, aber dennoch lesenswert sind. Aus Österreich "Cowboy Joe" von Kurt Bra-charz, aus Good old England Gerald Kershs "Ouvertüre um Mitternacht".
"Ouvertüre um
Mitternacht"
In der Mitte des vergangenen Jahrhunderts galt Gerald Kersh (1911–1968) als Bestsellerautor. Für seine Kurzgeschichten heimste er Preise ein. Zum Klassiker hierzulande hat es dennoch nicht gereicht, vielleicht weil seine Romane nicht in ein Schema passten. Mit "Ouvertüre um Mitternacht" verhält es sich kaum anders. 1947 erstveröffentlicht, erzählt der Thriller eine Geschichte, die sich vor dem Zweiten Weltkrieg im Londoner East End zugetragen hat. Die kleine Sonia Sabbatini, Tochter eines jüdischen Schneiders, wird ermordet und missbraucht im Kohlekeller eines Abrisshauses gefunden.
Die Verdächtigen beschränken sich auf eine Clique – die Kundschaft des gutmütigen Schneiders. So vermutet die exzentrische Asta Thundersley zu Recht. Das klingt nach einem klassischen Whodunnit, doch Kersh treibt Schabernack mit dem Genre: Der ermittelnde Inspektor spielt plötzlich keine Rolle mehr, stattdessen darf der Mörder anonym sein Seelenleben ausbreiten – und Asta Thundersley arrangiert klassisch eine Party zur Entlarvung der Bestie: eine Sauforgie, bei der sich Starlets, Kleinkriminelle, Möchtergernschriftsteller und -weltverbesserer die Kante geben. Dass so eine in einen Krimi verpackte Milieustudie gern gelesen wurde, ist verständlich. Wer britischer Exzentrik, seltsamen Geschäftsideen und Freudscher Küchenpsychologie etwas abgewinnen kann, für den ist "Ouvertüre um Mitternacht" immer noch ein Juwel.
"Cowboy Joe"
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Haarsträubend dagegen sind seine Begegnungen im Rotlichtmilieu der Bodensee-Stadt. Nach einem folgenschweren Besuch des Edelbordells Villa oscura zwecks außerdienstlichen KPM muss sich der Unerschrockene mit serbischen Mafiosi, Zuhältern, einem Waffenschieber und einem halbseidenen Fötenhändler auseinandersetzen. Staubtrocken erzählt Bracharz vom Abenteuer eines braven Polizisten in der Unterwelt. Eine Liebeserklärung an den gesunden Menschenverstand – und an ein universell verbindendes Brettspiel.
– Gerald Kersh: Ouvertüre um Mitternacht. Deutsch von Ango Laina und Angelika Müller. Pulp Master Verlag, Berlin 2009. 270 Seiten. 13,80 Euro.
– Kurt Bracharz: Cowboy Joe. Haymon Verlag, Innsbruck /Wien 2009. 214 Seiten. 9,95 Euro.
Autor: Joachim Schneider
