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27. Februar 2010

KRIMINALROMANE: Kampf ums Überleben

Mord und andere Abgründe im amerikanischen Süden.

Auch in weniger dynamischen Regionen gibt es Verbrechen. Die Titel verraten schon einiges: "Finstere Orte" von Gillian Flynn und William Gays "Ruhe nirgends" tauchen ab in den Süden der USA, wo es abgründiger nicht sein kann.

"RUHE NIRGENDS"

MIT "NÄCHTLICHE VORKOMMNISSE" SORGTE WILLIAM GAY 2009 FÜR AUFSEHEN; NUN IST "RUHE NIRGENDS" ERSCHIENEN, SEIN DEBÜT VON 1999, DAS IHN IN EINE REIHE MIT FAULKNER UND CORMAC MCCARTHY KATAPULTIERTE. SOUTHERN GOTHIC HEIßT DAS GENRE UND MEINT NICHT NUR DEN KAMPF ZWISCHEN GUT UND BÖSE, SONDERN DEN UMS NACKTE ÜBERLEBEN ZWISCHEN FINSTEREN MÄCHTEN UND DER NATUR. "RUHE NIRGENDS" IST IN TENNESSEE ANGESIEDELT IN DEN 30ER BIS 40ER JAHREN. OBWOHL SCHON IM PROLOG DER MORD PASSIERT, ERFÜLLEN TEMPO UND STORY KAUM DIE ANFORDERUNGEN AN EINEN KRIMI. NUR: DIE ATMOSPHÄRE IST SO SPANNUNGSGELADEN, DASS DAS KAUM AUFFÄLLT. ALS MÜSSTE SICH DER AUTOR SELBER AN SEINE FIGUREN HERANTASTEN, DURCH DIE GEWALTIGE NATUR ZU DEN VERSCHLOSSENEN CHARAKTEREN VORDRINGEN. DA GIBT ES DEN HERANWACHSENDEN, GUTMÜTIGEN WINER, DER ALS KIND SEINEN VATER VERLOREN HAT UND SEIN GELD AUF EINER HÜHNERFARM ERSCHUFTET. WAS ER UND SEINE VERBITTERTE MUTTER NICHT WISSEN: DER VATER WURDE VOM EINDRINGLING DALLAS HARDIN ERSCHOSSEN, ALS DER IHN WEGEN ILLEGALEN SCHNAPSBRENNENS AUF SEINEM GRUNDSTÜCK ZUR REDE STELLTE. MIT DEM WEISEN OLIVER BAHNT SICH EINE ART FREUNDSCHAFT AN, DOCH WIE DER TEUFLISCHE ZUFALL ES WILL, BEKOMMT DER JUNGE WINER ARBEIT ALS ZIMMERMANN BEIM MÖRDER SEINES VATERS, DER DAS GRÖßTE BORDELL IN DER GEGEND BAUT. SCHLIEßLICH SORGT DIE GROLLENDE NATUR DAFÜR, DASS NICHTS IM VERBORGENEN BLEIBT: EIN SINTFLUTARTIGER REGEN SPÜLT EINEN TOTENKOPF MIT EINEM LOCH IN OLIVERS BRUNNENTROG. NICHT NUR DIE NATUR VERLANGT NUN IHR RECHT. "FINSTERE ORTE"

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Auch die ehemalige Journalistin und TV-Kritikerin Gillian Flynn spielt in "Finstere Orte" mit den Insignien des Southern Gothic, doch das mystische Moment wird gnadenlos seziert. Ausgangspunkt ist ein Gemetzel Mitte der 80er an einer verarmten Farmerfamilie in Missouri. Das "Prairie-Massaker" überlebt hat nur die kleine Libby Day, ihr damals 15-jähriger, angeblich dem Satanismus verfallener Bruder Ben sitzt dafür im Gefängnis. Er soll Mutter Patty und seine beiden Schwestern abgeschlachtet haben. Ein Vierteljahrhundert später ist Libby Day pleite, die Spendengelder sind aufgebraucht. Wie soll sie zu Geld kommen? Arbeiten hat das menschenscheue Nervenbündel nie gelernt. Rettung naht mit dem Verein "Kansas City Kill Club", der an die Unschuld des Bruders glaubt, während Libby ihn mit ihrer Aussage ins Gefängnis gebracht hat.

Klingt krude, doch ein gelungener Erzählkniff sorgt für Authentizität. In der Jetztzeit fungiert Libby Day als Ich-Erzählerin: Die neurotische, mit gesundem Sarkasmus und Weltekel ausgestattete Kleptomanin versucht aus Geldnot, Licht ins Dunkle zu bringen, während die damaligen Ereignisse aus der Sicht von Ben und Mutter Patty geschildert werden. Aus diesem spannenden Puzzle fügt sich die wahre Geschichte, die noch tragischer und bestürzender ist als die Legende darüber.
– Gillian Flynn: Finstere Orte. Deutsch von Christine Strüh. Scherz Verlag, Frankfurt 2010. 528 S., 16,95 Euro.
– William Gay: Ruhe nirgends. Deutsch von Joachim Körber. Arche Literatur Verlag, 2010. 352 S., 19,90 Euro.

Autor: Joachim Schneider