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28. August 2010
KRIMINALROMANE: Keine Lust auf Theater
Hansjörg Schneiders achter "Hunkeler"-Krimi.
Ein Kriminaler, der sich als streitbarer Theaterversteher ausweist, das hat schon was, zumal sich so einer gut auskennt in den Tragödien des Lebens. Immer wieder schön, wie Hansjörg Schneider Biografisches in seinen Hunkeler-Krimis verwurstet: Tatsächlich hat der in Aarau geborene Schriftsteller in Basel Germanistik studiert und als Regieassistent am dortigen Theater gearbeitet. Als Dramatiker ist er hierzulande weniger bekannt, umso mehr als Schöpfer des Baslers Kommissärs Peter Hunkeler. Sein mittlerweile achter Kriminalroman heißt "Hunkeler und die Augen des Ödipus".
Hunkeler gehört zu der Sorte Kriminalisten, die literarisch eine lange Tradition hat: Das sind Typen, die nicht zum Polizisten taugen, weil sie zu weich, zu anarchisch oder zu sensibel sind. Hunkeler will verstehen, aber nicht verhaften: In diesem Fall umschifft er das Dilemma. Als der Mörder endlich feststeht, ist der amtsmüde Polizist in Pension. So viel sei verraten: Es gibt einen Bösen. Und viel Theater drum herum. Am Anfang aber tappen alle im Dunkeln. Der legendäre Direktor des Basler Theaters Bernhard Vetter ist verschwunden, mutterseelenallein treibt sein Hausboot im Rhein beim Stauwehr von Märkt. Der Intendant könnte überall sein. Abgetaucht oder auf dem Boden des Rheins. Albern die Mutmaßung, dass sich das Basler Bürgertum für die skandalösen Inszenierungen gerächt hat.
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Hunkeler will keinen großen Abgang. Wo andere sich ein letztes Mal in Szene setzen wollen, packt ihn der Ehrgeiz überhaupt nicht, zumal ihm seine Kollegen (wie gehabt) gehörig auf die Nerven gehen, unter anderem mit abstrusen Theorien. Lieber lässt sich der alte Herr treiben – im Rhein, in der Poesie des Alltags und in der Literatur, er liest Hölderlins Gesamtwerk, darunter auch seine Übersetzung von Sophokles’ "König Ödipus". Als Jungspund war Hunkeler beim Basler Theater. Das Regietheater heutzutage krankt nicht an den abstrusen Einfällen, sondern daran, dass diese niemand mehr versteht, denkt der Kommissär. Und daran, dass auf der Bühne die echten Typen fehlen – wie im richtigen Leben. Zu viel Theorie, daran soll wohl der Leser denken.
Klingt nach "Früher war alles besser", Altersstarrsinn und danach, als wäre Schneider selber in die Theoriefalle getappt. Doch er präsentiert solche Typen samt ihren Widersprüchen, Launen und Leidenschaften. Allen voran der Hunkeler, der nur Salz in alte und neue Wunden streut. Die Lösung des Falls findet sich nicht im Theater, sondern im zwielichtigen Rheinhafen – eine eigene Welt und Tor zur Welt.
– Hansjörg Schneider: Hunkeler und die Augen des Ödipus. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2010. 232 Seiten, 19,90 Euro.
– Der große Hansjörg-Schneider-Abend: 1. September, 19 Uhr, Basel, Brasilea Kulturzentrum, Westquai 39.
Autor: Joachim Schneider
