Noch ein Mädchen mit einem Buch

Ursula Thomas-Stein

Von Ursula Thomas-Stein

Di, 04. November 2014

Literatur

Deborah Ellis’ Jugendroman "Ich heiße Parvana".

"Heißt du Parvana?" – die Frage wird dem afghanischen Mädchen auf Dari, Paschtu, Englisch und sogar Usbekisch gestellt. Warum sagt sie in Deborah Ellis Jugendroman "Ich heiße Parvana" nichts? Die Dolmetscherin und der Major scheinen doch nett zu sein. Oder ist sie vielleicht taub? Die 15-Jährige in dem staubigen blauen Tschador wurde in der Ruine einer Schule gefunden und wird seither in einem amerikanischen Militärgefängnis verhört. Denn ein Mädchen mit einer Schultertasche voller Briefe und einem Buch ist höchst verdächtig. Eine Plünderin oder Terroristin?

Parallel zu den Verhören und ihrer Gefangenschaft wird die Vorgeschichte in Episoden lebendig: alles, was Parvana fühlt und denkt, woran sie sich erinnert. Mit Mutter und Geschwistern hatte sie nach dem Taliban-Regime eine Mädchenschule aufgebaut. Aber die konservativen Dorfbewohner bedrohen sie und die Amerikaner zerstören sie. Was bleibt? Ein Mädchen, das von Büchern, Gedichten und dem fernen Frankreich schwärmt; an Schule nicht alles toll findet und besonders die strenge Mutter und große Schwester – beide Lehrerinnen – oft verwünscht.

Kreativ, wild und autonom

Im Gefängnis zeigt sich Parvanas Stärke. Ein Prüfetikett inspiriert sie, über ihre Zelle nachzudenken, schließlich will sie Architektin werden: "Wenn man sie gebeten hätte, dieses Zimmer zu gestalten – wenn Kontrolleur 247 sie um ihre Meinung gefragt hätte – dann hätte Parvana etwas zur Farbauswahl zu sagen gehabt. ,Blau’, dachte sie. ,Ein helles Blau, wie der Himmel an einem strahlenden Wintermorgen, bevor die Wolken von den Bergen hereinziehen.’" Die Figur vermittelt Hoffnung: Sie ist kreativ, wild, autonom. Und bald auch Waise. Wäre Kapitel 22 besser ausgespart worden? Da wird die getötete Mutter in der Schule abgeladen. Aber werden Kinder wie Parvana im wirklichen Leben verschont?

Die 54 Jahre alte, kanadische Autorin Deborah Ellis lebte Ende der 1990er Jahre viele Monate in afghanischen Flüchtlingslagern in Pakistan und interviewte Frauen und Mädchen zu ihren traumatischen Erfahrungen. Das war 2001 die Basis für ihren ersten Afghanistan-Roman "Sonne im Gesicht": Parvana, die elfjährige Heldin, verkleidet sich dort als Junge, um die Familie während der Taliban-Herrschaft zu ernähren. Zwei weitere Romane folgten und bilden zusammen die "Afghanistan-Trilogie".

Im Nachwort zu "Ich heiße Parvana" schreibt Ellis, die mehr als eine Million Dollar aus ihren Tantiemen an Hilfsprojekte in Afghanistan spendete: "Die Rechte der Frauen sind nach wie vor heftig umkämpft, Mädchenschulen werden niedergebrannt und Aktivistinnen ermordet." Es ist dieselbe Realität, wie sie UN-Generalsekretär Ban Ki Moon kürzlich anlässlich der Wahl der 17-jährigen Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai kommentierte: "Mit Mut und Entschlossenheit wurde Malala zu dem, was Terroristen am meisten fürchten: ein Mädchen mit einem Buch." Auch Parvana ist so eine. Auch die amerikanischen "Befreier" halten sie für gefährlich und erst recht die Leute, die sie verfolgen: "Ihr lebt in der Vergangenheit!" rief sie, schon fast vor der Schule, mit wehendem Haar, den flatternden Tschador in der Hand. "Ich bin die Zukunft! Und ich habe euch locker abgehängt!" Eine spannende Geschichte – vielleicht auch für Jugendliche, die Bücher sonst für langweilig halten.

– Deborah Ellis: Ich heiße Parvana. Roman. Aus dem kanadischen Englisch von Brigitte Rapp, Verlag Jungbrunnen, Wien 2014. 160 Seiten, 15,95 Euro. Ab 13.