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04. September 2010
Sumo-Ringer am Herd
Der Schweizer Fotograf Andri Pol sucht nach einem Japan jenseits westlicher Klischees.
Kirschblütenromantik, wilde Samurai und traditionelle Teezeremonien inmitten einer idyllischen Tempellandschaft – ist das etwa Japan? Ja und nein. Klischees sind eigentlich nicht schlecht. Sie haben einen Vorteil: Fast jeder kennt sie. Der Basler Fotograf Andri Pol, Jahrgang 1961, will von Klischees allerdings nichts wissen. Er sucht beharrlich nach dem Japan der Moderne. Und er ist fündig geworden. Nach immerhin zehn Jahren, in denen er kreuz und quer über die Insel im Pazifik gereist war, hat er ein opulentes Paket von farbigen Fotos gesammelt und diese in ein dickes Buch gepackt. Der Titel: "Where is Japan". Ohne Fragezeichen.
Ein Obdachloser sitzt entspannt in einem Liegestuhl am Ufer des Sumida-Flusses in der Megametropole Tokio. So kennt man im Westen Menschen ohne Wohnung nicht. Sein Zuhause ist ein windiger Holzverschlag, umspannt mit grellblauen Plastikplanen. Der Mann macht einen durchaus zufriedenen Eindruck. Er hat keinen Stress wie die zahllosen Tokioter Angestellten, die sich Tag für Tag in die hoffnungslos überfüllten U-Bahnen quetschen. Auch das kann Leben in der Großstadt sein.
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Andri Pol ist ein geduldiger Beobachter. Er geht zu den Menschen, nimmt sich Zeit und fotografiert sie in ihrem alltäglichen Leben. In Kobe, Nagasaki, Tokio, Okinawa oder auf Hokkaido. Pol besucht zum Beispiel eine Gruppe schwergewichtiger Sumo-Ringer, die sich – nur mit einem knappen Lendenschurz bekleidet – der Kochkunst am Herd oder dem häuslichen Staubsaugen hingeben. Das ist eine ungewohnte Perspektive auf den hoch angesehenen japanischen Kampfsport. Auf diese überraschenden Momente, die eingefahrene Vorstellungen durchbrechen, legt es Pol an – durchaus auch mit der Lust und dem Gespür für die Skurrilität von Situationen.
Nicht jedermann ist ein Freund der Mafia. Andri Pol, der Schweizer, hat es erstaunlicherweise irgendwie geschafft, die Bosse der japanischen Unterwelt vor seine Kamera zu locken. Stolz blicken die Gangster der Yakuza ins Objektiv des Fotografen – ihre Namen freilich wollen die zwielichtigen Herren dem stets neugierigen Reporter aus dem Ausland nicht preisgeben.
Pols Bilder sind auch schonungslos ehrliche Dokumente – er bildet ab, was er sieht, er will nicht inszenieren. Die unaufgeräumten Hinterhöfe und Schrottplätze in den Vorstädten von Tokio, der Blick in eine Firma, in der abstoßende Sexpuppen produziert werden, die zehnjährigen Mädchen, die im roten Kleidchen mit martialischen Schusswaffen und Handgranaten posieren – all dies wirkt entlarvend. Aber auch das ist das Japan der Moderne, fernab von Kirschblütenzauber und Teehausbehaglichkeit.
Einfühlsam sind Pols intime Porträts, die junge Musiker und Künstler zeigen. Fast unecht wirken aber auch die in pastellfarbenen Tönen kunstvoll gekleideten und geschminkten Geishas, die Pol in einschlägigen Etablissements angetroffen hat. Sehr persönlich ist auch seine Bilderserie, die er in einem Tattoo-Studio aufgenommen hat. Die traditionsbewussten Männer zeigen bereitwillig ihre filigranen, überaus kunstvollen Ganzkörpertätowierungen und scheuen auch nicht davor zurück, für den Fotografen aus Europa die Hosen herunter zu lassen.
"Where is Japan" – Fragezeichen unnötig. Der Bildband gibt Auskunft. Andri Pol hat mit seiner Kamera ein vielgesichtiges und facettenreiches Sittengemälde der japanischen Gesellschaft von heute geschaffen. Die Fotos sind mal irritierend, mal zum Lachen, aber für den Europäer immer zum Staunen. Japan kennen und verstehen lernen? Nach exakt 227 eindrucksvollen Bildern scheint man der Weisheit ein gutes Stück näher zu sein.
– Andri Pol: Where is Japan. Steidl Verlag, Göttingen 2010. 318 Seiten mit 227 Fotos, 56 Euro.
Autor: Wolfgang Grabherr


